| home | safari-salama | packliste | route | berichte | fotos |
Safari-SalamaReisebericht 21 vom 18.06. - 21.07.2007Tsumeb - Outjo - Palmwag - Spitzkoppe - Swakopmund - Windhoek |
|||
|
|
In Tsumeb machen wir uns auf die Suche nach einem Ersatzpneu für Rolands Rad. Den hinteren Pneu hat er gerade erst ersetzt; der Vordere ist aber auch bald durchgefahren. Für die Schotterpisten, die uns bevorstehen, wollen wir gut gerüstet sein, sonst nimmt unsere Reise ein Ende bevor uns das lieb ist. Es erweist sich als keine einfache Angelegenheit. 28 Zoll Pneus, die auch noch schmaler sind als die herkömmlichen Mountainbike-Pneus, sind hier nicht verbreitet. Und auch der pink-gelb gestreifte Kindervelo-Pneu, den der Angestellte aus dem Lager bringt, entspricht nicht so ganz unseren Vorstellungen :o)... Outjo ist der nächst grössere Ort, den wir in ein paar Tagen erreichen werden; vielleicht haben wir ja dort mehr Glück. Am 19. Juni 2007 verlassen wir jedenfalls Tsumeb in südwestlicher Richtung. Gute Asphaltstrasse, beinahe flache Topographie und hervorragender Rückenwind sorgen dafür, dass wir bereits nach 3.5 Stunden reiner Fahrzeit im 66km entfernten Otavi einrollen, wo Pascal, der Elsässer Velofahrer, schon auf uns wartet. Tagsdarauf trennen sich unsere Wege wieder: Pascal pedalt nach Otjiwarongo, währenddem wir den ersten längeren Schotterabschnitt unter die Räder nehmen. In zwei Tagen wollen wir Outjo erreichen. Die Piste ist gut befahrbar, weiterhin mehrheitlich flach; nur in der Ferne können wir einen Gebirgszug erkennen, den wir später zu überwinden haben. Über die ganze Weite erstreckt sich Buschlandschaft. Hin und wieder ein Abzweiger zu einer Farm. Wiederum bläst der Wind zu unseren Gunsten. Mit den Plattfüssen haben wir weniger Glück – Roland erhöht an diesem Tag seine Statistik um zwei Punkte. Auf einer von einem jungen weissen Paar geführten Farm dürfen wir unser Zelt aufstellen. Wild campieren ist in dieser Gegend nicht gut möglich, da auch hier beidseits der Strasse Zäune verlaufen, es kaum sichtgeschützte Stellen gibt und wir es ohnehin vorziehen, nach Möglichkeit die Landbesitzer vorgängig um Erlaubnis zu bitten. 3'000ha nennen Deirdre und Marco ihr Eigen. Mais, Futtermais und Kartoffeln werden hier angepflanzt. Futtermais wird nicht etwa dem Vieh verfüttert, sondern zu Maismehl verarbeitet. In heisses Wasser geschüttet, dient diese Mahlzeit – Paap genannt – als für jedermann erschwingliches Grundnahrungsmittel (ähnlich wie Polenta). 75 Stück Rind besitzt das Paar, was im Vergleich zum vorhandenen Grundstück nicht viel ist. Das für unsere Verhältnisse recht karge und steinige Land ist ziemlich dicht bewaldet. Die Farmer holzen deshalb zunehmend die von der Regierung zugelassenen 50% des Bestandes heraus – vorwiegend Mopanebäume, die mehrere hundert Jahre alt werden können – um sie in einfachen Öfen zu Holzkohle zu verarbeiten. Als wir ankommen, sind die Stör-Schweisser daran, die letzten der insgesamt 75 zylinderförmigen Öfen fertig zu schweissen. Es herrscht Hochbetrieb. 30 Tonnen Holzkohle monatlich wird die Farm voraussichtlich während der nächsten 10 Jahre produzieren und nach Südafrika und Europa exportieren. In Outjo stocken wir wieder einmal unsere Vorräte auf. Wann immer es die Situation erlaubt, d.h. wenn wir nicht zu spät ankommen und es im Ort eine Metzgerei gibt, decken wir uns mit Wild ein. Und so bereichern Kudu- und Oryxfilets vermehrt unseren Speiseplan. Die guten Stücke liegen nie in der Auslage und so müssen wir jeweils extra danach fragen. In Tsumeb hatten wir beispielsweise die Wahl zwischen einem Stück Kudu von 200gr und einem solchen von 1kg. Könnt zweimal raten, für welches wir uns entschieden haben :o)! 40 N$ kostet hier ein Kilo Wild, was knapp 8 sFr. entspricht. Und so kaufen wir auch in Outjo einen "Mocke Kudu", den wir dann zwar – mangels Brennholz – in der Pfanne zubereiten, was mit der richtigen Marinade angereichert aber auch ganz ausgezeichnet schmeckt. Keine Angst: Wir machen uns mit dem Verzehr dieses Fleisches nicht indirekt der Wilderei schuldig – im Gegenteil! Springbock, Kudu und Oryx gibt es im Land in reichlicher Zahl und die Tiere sind für die Jagd freigegeben. Es gibt hier auch sogenannte Gamefarms (Wildfarmen), die sich auf die Gewinnung dieses Fleisches spezialisiert haben. Und so schlemmen wir mit bestem Gewissen :o)! Auch hier klappern wir drei Handwerksläden ab, auf der Suche nach einem Pneu – ohne Erfolg. Outjo verlassen wir nicht nur mit einigen Packs vakuumisierten Rauchfleischs, sondern auch mit zwei Poloshirts. Der Filialleiter des Supermarkts hat sie uns geschenkt. Zwei Tage später können wir einem Einheimischen damit eine Freude bereiten. Auf der asphaltierten C40 gelangen wir innert drei Tagen nach Kamanjab. Mehrheitlich haben wir während dieser Zeit Seitenwind, der konstant von Nordosten her bläst. Am zweiten Tag wird auch die Landschaft abwechslungsreicher und das Fahren somit genussvoller. Zwar führt die Strasse schnurgerade durch die Landschaft, aber es geht immer leicht rauf und runter. Mal geniessen wir einen Blick über die beinahe endlose Ebene unter uns oder an die Hügelzüge in der Ferne. Dann kommen wir wieder an Gesteinsformationen vorbei, die aussehen, als wären sie von Hand aufgeschichtet worden. Die steinigen Berge mit den vereinzelten Bäumen und dem trockenen Grasbewuchs erinnern uns irgendwie an die Kastanienwälder im Tessin. Ca. 24km vor Kamanjab verlassen wir die C40 und folgen während 8km der Gravelroad, die zum Otjitotongwe Cheetah (=Geparden) Camp führt. Geparden und Leoparden stellen für die Farmer in der Gegend ein grosses Problem dar und werden in der Folge nicht selten abgeschossen. Dieser Farmer hat einen anderen Weg gewählt und sich entschieden, die Geparde aufzunehmen. Drei verwaiste Tiere sind mittlerweile so zahm, dass die Familie sie sich als Haustiere hält. 26 halbwilde Raubkatzen hält der Farmer in einem riesigen Gehege. Am Abend können wir den Mann auf die Fütterungstour begleiten – es gibt Esel. Wie Models – die jedoch nicht an Essstörungen leiden – sehen die grazilen Katzen aus, wie sie hochbeinig und schlank durchs hohe Gras stolzieren und dann, wenn das Fleisch zu fliegen kommt, sich in unglaublichem Tempo draufstürzen, davonsprinten und ihre Beute hinter einem Busch verzehren. Eine Geschwindigkeit von 120km/h können die Tiere an den Tag legen. Sie sind unheimlich wendig, sodass sich ihr Körper torsionsartig verformt, wenn sie so richtig loslegen. Wir sind froh, wenn wir unterwegs nie einem solch gut trainierten Athleten begegnen... In Kamanjab legen wir einen Ruhetag ein (auch hier kein Pneu!) und verlassen den Ort erst am 26. Juni 2007 – und zwar schwer beladen in Richtung Grootberg-Pass. 2.5kg Müesli, 2kg Orangen, je 1kg Äpfel, Tomaten, Maismehl und Reis, 500gr Spaghetti, 2 Brote, 2 Salami, 1 Gurke, Rüebli, Trockenfleisch, Milchpulver, Suppen- und Saucenbriefli, Konfi, Salzcracker, Riegel, Rosinen und Biscuits müssen reichen für die nächsten acht Tage bis nach Uis. Fragt uns nicht, wie wir das alles verstaut haben; in die Taschen gestopft halt – irgendwie :o)! Fortan befinden wir uns in der Region, die als Damaraland bezeichnet wird und das Dreieck Kamanjab, Sesfontein und Usakos einschliesst. Während den nächsten drei Wochen sind wir nur noch auf Schotterpisten unterwegs. Der erste Abschnitt wird soeben neu planiert; ist also schön flach, aber auch stellenweise weich und sandig. Wir müssen vorsichtig fahren, um in den schwer ersichtlichen tieferen Stellen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich: kleine Hügel, Granitgebilde, Gebirgszüge mit Bäumen und Büschen, dazwischen goldgelbes Gras. Es herrscht kaum Verkehr auf dieser Strasse und immer wieder geniessen wir auf den Anhöhen die fantastische Sicht auf die Tafelberge, die sich langsam vor uns erheben. Nach 65km erreichen wir die kleine Siedlung Erwee, wo wir bei der Schule nach einer Möglichkeit fragen um unser Zelt aufschlagen zu können. Kurzentschlossen bieten uns zwei Lehrerinnen ein Zimmer in ihrem Lehrer-Haus an, wo wir unsere Matten ausbreiten dürfen. Sodina und Olin kochen Wasser auf, damit wir uns ein wenig waschen können. Das z'Nacht wird eine Gemeinschaftskreation. Erwee ist ein reines schwarzes Dorf. Die Kinder, die hier die Internatsschule besuchen, kommen von entlegenen Farmen. Sie stammen allesamt aus ärmlichen Verhältnissen. 85 N$ (17 CHF) kostet das Schulgeld pro Trimester und Kind – der restliche Betrag wird durch den Staat finanziert. Auf mittelmässigem Schotter – phasenweise Wellblech, Sand und gröbere Steine – geniessen wir den landschaftlich traumhaften Abschnitt in Richtung Grootberg-Pass. Die Tafelberge werden immer mehr und stehen wie Gugelhöpfe in der Ebene. Rauf und runter, rauf und runter durch unzählige trockene Flussbette mit tiefem Sand. In der Ferne erkennen wir die Passstrasse. Streckenweise ist das Vorwärtskommen ziemlich anstrengend; der Untergrund lose. Auf 1'540m.ü.M. liegt die Passhöhe. Hier legen wir Mittagsrast ein und geniessen einmal mehr eine überwältigende Aussicht: Tafelberge soweit das Auge reicht. Auf erstklassiger Piste nehmen wir die Abfahrt in Angriff – was für ein Gefühl vollkommener Freiheit! Wir sind umgeben von Bergen, die bläulich, violett und rötlich erscheinen; wie das Gemälde eines Impressionisten. Kakteen gedeihen auf dieser Seite des Passes und viele andere eigenartige Pflanzen. Mehrere Gruppen von Springböcken sehen wir und sogar fünf der seltenen und hier endemischen Bergzebras! Auf den letzten knapp 6km vor der Palmwag Lodge werden unsere Knochen nochmals so richtig durchgeschüttelt, sodass wir heilfroh sind, als wir unser Ziel endlich erreichen. Fortan sind wir bestens mit Infomaterial ausgestattet. Schaut mal nach unter www.kokobike.ch/namibia, denn vor exakt zwei Jahren haben unsere Freunde Patricia und Markus von Kapstadt herkommend Namibia von Süd nach Nord durchradelt und ihre Reise mit tollen Berichten dokumentiert. Wir werden nun also zu Schmarotzern! Die Strecke von Palmwag nordwärts in Richtung Sesfontein soll sowohl landschaftlich, wie auch in Bezug auf die Tierwelt sehr schön sein. Wir entscheiden uns daher für einen 4-tägigen Abstecher in diese Gegend – je zwei Tage hoch und runter. Knapp 80km und 700 Höhenmeter stehen uns am ersten Tag bevor. Die Strasse ist nach wie vor in miserablem Zustand. Wir müssen uns derart konzentrieren, dass wir die Umgebung gar nicht richtig geniessen können. In solchen Fällen beanspruchen wir immer die ganze Strasse. Im Vergleich zu den Autos haben wir aber den Vorteil, dass wir bloss auf einen schmalen Streifen mit "guter" Unterlage angewiesen sind. Heftiger Wind bläst vorwiegend von vorne, manchmal von der Seite. Wir tuckern wieder in die trockenen Flussbette runter, wo wir vom Sand ausgebremst werden, um uns auf der anderen Seite wieder 20m steil hochzukämpfen. Manchmal gehts nur stossend. Nach 45 Min. haben wir 6km zurückgelegt – bei einem frustrierenden Schnitt von 7.2km/h! Über 10 Stunden im Sattel würde das bis nach Khowarib – unserem gesetzten Tagesziel – bedeuten. Keine Chance! Zusätzliches Wasser haben wir keines aufgebunden; wild zelten wäre also auch keine Alternative. Mit dem Wissen, dass wir die selbe schlechte Strasse wieder werden zurückfahren müssen, kehren wir um und verbringen den restlichen Tag in der Lodge. Am Freitag, dem 29. Juni 2007, verlassen wir Palmwag in südlicher Richtung – mit zusätzlich vier Brotlaiben, die die Lodge extra für uns gebacken hat. Wir holpern die 6km zurück, die wir zwei Tage zuvor vom Pass herkommend hinter uns gebracht haben. Danach rollt's besser. Doch schon nach 4km kommt die Ernüchterung: Wellblech, Steine, Sand, Staub – wiederum die ganze Palette. Springböcke sehen wir und eine Oryxantilope. Sie muntern uns jeweils ein bisschen auf. Die Fahrt gestaltet sich als kräfteraubend und erfordert wieder höchste Konzentration. Die Balance zu halten, fordert unsere Geschicklichkeit heraus. Wir kämpfen uns eine Steigung hoch; am Pistenrand liegt Elefantendung. Es ist nicht mehr der Frischeste und so schenken wir ihm weiter keine Beachtung ("Ah, lueg, do hetts Elefantebölle"). Auf der Anhöhe legen wir einen Verschnaufhalt ein. Wozu eigentlich dieser ganze Chrampf!?! Noch nicht oft haben wir uns auf der Reise diese Frage stellen müssen. Lange kommen wir auch nicht dazu, uns zu beklagen, denn plötzlich erspäht Roland am Fuss des nahegelegenen Tafelbergs eine Gruppe von neun Elefanten! Wir können unser Glück kaum fassen; stehen da, eine Herde der seltenen Wüstenelefanten vor Augen! Die Tiere unterscheiden sich äusserlich nicht von anderen afrikanischen Elefanten, haben sich im Laufe der Zeit aber an die kargen Bedingungen in der Wüste angepasst, sodass ihr Organismus mit einem Minimum an Flüssigkeit auskommt. Hat sich die Anstrengung also doch noch gelohnt! In Wereldsend (="Ende der Welt"; auf gewissen Karten als "Bergsig" bezeichnet) picknicken wir im Schatten und kaufen im Winkel – so heissen die kleinen Shops am Wegrand – 1 Liter Fanta. Die Einheimischen – Frauen wie Männer – trinken allesamt Bier. Hier herrscht die absolute "No Future"-Stimmung! Es kommt uns die Geschichte jenes weissen Campbesitzers in den Sinn, der seinem schwarzen Angestellten zusätzlich zum eigentlichen Lohn auch noch das Schulgeld für die Kinder bezahlt hat. Solange zumindest, bis er feststellen musste, dass der Vater das Geld nicht in die Bildung sondern vielmehr in Hochprozentiges investiert hat. Ja, so kommt ein Land weiter...! Fortan gehts mehrheitlich abwärts, silbergraues Gras, Tafelberge, rötlich-braune Steinlandschaft im Abendlicht – fantastisch! Am Himmel ist schon mehr Mond als Sonne, als wir das wunderschön in einem Talkessel angelegte Xaragu Camp erreichen. Von hier aus starten wir tagsdarauf auf einen Ausflug zum 30km entfernten Petrified Forest (versteinerter Wald). Sabine kehrt aufgrund der schlechten Piste nach zwei Dritteln der Strecke um. Roland möchte sich diese Sehenswürdigkeit aber nicht entgehen lassen und setzt die Fahrt fort. Am Ziel nimmt er an einer geführten Tour teil und erfährt einiges über die Entstehung der 200 Millionen Jahre alten versteinerten Baumstämme, bei denen sogar noch die Jahrringe zu erkennen sind. Auch die in Namibia endemischen Welwitschia-Pflanzen gedeihen in dieser Gegend. Sie können bis 2'000 Jahre alt werden und fünf Jahre ohne Wasser auskommen. Der 1. Juli wird ein kurzer Radeltag, denn bereits nach 20km erreichen wir das Aba Huab Camp. Am Nachmittag pedalen wir nach Twyfelfontein, wo wir uns 6'000 Jahre alte Felsgravuren der San Buschleute ansehen. Die Führerin ist nicht besonders motiviert, aber die mit Quarzsteinen in den weichen Sandstein geritzten Motive, die schon manches Wetter überstanden haben, sind beeindruckend: Löwen, Elefanten, Giraffen, Kudus, Nashörner, aber auch Seelöwen und Pinguine sind in Stein verewigt, was beweist, dass die Wüstenmenschen schon damals Kontakt zur Küste gehabt haben. Wir fahren ebenfalls zu den Organ Pipes ("Orgelpfeifen") – Sandsteinsäulen mit sechseckigem Grundriss, die eine Furt flankieren. Wie Skulpturen in einer Böschung. Innert zwei Tagen gelangen wir nach Uis. Landschaft nicht besonders, mehrere Straussengruppen, Wind konstant und heftig von der Seite, Pistenzustand mittel bis schlecht. Der allgegenwärtige Staub setzt uns zu. Er erschwert uns das Atmen, wenn 4x4 Fahrzeuge uns kreuzen und einnebeln. Was man anfasst, ist von einer "mehligen" Schicht bedeckt – zum Glück sind wenigstens unsere Taschen dicht! In Houmoud – dem Kreuzungsort vor Sorris Sorris – können wir auf dem Areal des Winkels unser Nachtlager aufschlagen. Elektrizität ist in diesem Weiler vorhanden – Wasser nicht. Wir waschen uns notdürftig mit dem Waschlappen, den wir am Morgen in wohlweislicher Voraussicht nass gemacht haben. Markus und Patricia, danke für den Tipp! Ein kleines Wunder erleben wir am Tag, an dem wir nach Uis radeln: Etwa auf halber Strecke fährt ein Auto mit südafrikanischem Kennzeichen neben uns her. Wir können nicht aufschauen, müssen uns auf die Piste konzentrieren. Auf einer Anhöhe hält der Wagen an. Die haben uns sicher wieder gefilmt und wollen jetzt auch noch mit uns quatschen – geht es uns durch den Kopf. Zumindest sind sie anständig an uns vorbei gefahren und haben uns nicht vollständig in Staub gehüllt. Doch mitnichten: Ob wir ein eisgekühltes Cola möchten, fragt uns das aufmerksame Paar. Gerne nehmen wir dieses Angebot an, ist es doch heiss und das erste Mal, dass uns in Namibia jemand unterwegs etwas anbietet. Wir nähern uns dem Brandberg-Massiv. Mit 2'573m.ü.M. Namibias höchster Berg. Am Strassenrand verkauft ein Knabe Halbedelsteine aus der Gegend. Lazi Lapiluli! Wie? Er streckt uns einen blauen Stein unter die Nase, als wir anhalten. Ach so: La-pis La-zu-li! Yes, Lazi Lapiluli, you like? 20 N$ will er dafür – gleich viel wie man im Laden bezahlt. Wir lassen uns erweichen und sind gleich doppelt inkonsequent: Erstens haben wir soeben Kinderarbeit unterstützt und zweitens haben wir mit allergrösster Wahrscheinlichkeit den Eltern gerade vier Biere gesponsert... Zumindest war dieser Lazi Lapiluli der schönste Stein in der ganzen Kiste :o). Auch wir können nicht immer knallhart sein und wissen nicht, ob wir uns jetzt über unser Verhalten ärgern oder über den Stein freuen sollen – too late! Das Angebot des Knaben, seine am Wegrand kauernde Grossmutter zu fotographieren, lehnen wir dann aber dankend ab. In Uis legen wir zwei Ruhetage ein. Juhui – Zivilisation! Also um ehrlich zu sein: einen kleinen Supermarkt, eine Tankstelle, zwei Camps und ein Restaurant gibts in diesem 80-Seelen-Nest. Alles Weisse – die Schwarzen leben 3km ausserhalb in sogenannten "locations" (Blechhüttensiedlungen). Von 1960 bis 1990 wurde hier im Tagbau Zinn abgebaut, welches nach Südafrika geliefert wurde. Während des Apartheid-Regimes wurden Südafrika viele Sanktionen auferlegt, weshalb es dem Land nicht möglich war, den Rohstoff auf dem Weltmarkt zu beziehen. Heute ist Uis von gewaltigen Aushubmaterial-Dünen umgeben. Am Tag vor unserer Weiterreise setzt im Supermarkt der Backofen aus, sodass wir dem Restaurant unseres Camps zwei Brote abkaufen müssen. Am 6. Juli verlassen wir Uis. Die Landschaft wird karger; nur noch einzelne Büsche stehen in der Steinwüste. Der Brandberg rückt immer mehr in die Ferne, während zu unserer Linken das Erongo-Massiv und zu unserer Rechten die markante Spitzkoppe mit den Pondoks auftauchen. Die Piste ist mehrheitlich in gutem Zustand und nachdem wir das trockene aber erstaunlich grüne Flussbett des Omaruru durchquert haben, steigt die Strasse kontinuierlich an. An diesem Tag sind wir mit 11.7km/h unterwegs. Rasend schnell, also :o). Trotzdem können wir die Spitzkoppe nicht mehr vor Sonnenuntergang erreichen. Auf der Farm einer schwarzen Familie dürfen wir unser Zelt aufschlagen. Im Vergleich zu anderen schwarzen Bauern geht es den Leuten wahrscheinlich nicht so schlecht. Sie haben nebst einer Hütte aus alten Autocarrosserie-Teilen und einer solchen mit Kuhdung-Fassade auch ein Steinhaus mit Zementausfachung. Ebenfalls sind sie im Besitz einer mittels Windkraft betriebenen Wasserpumpe, sowie eines grossen Reservoirs, so dass ihnen, ihren Ziegen und Eseln das kostbare Gut zu Genüge zur Verfügung steht. Für 25 N$, so teilen sie uns stolz mit, kann man vom Staat Land im Baurecht erwerben. Die Leute haben in dieser kargen Landschaft sicher kein einfaches Auskommen. Dass wir ihnen beim Abschied etwas für die Übernachtungsmöglichkeit und das Wasser bezahlen, scheint uns selbstverständlich, kommt für sie aber völlig unerwartet. 25km trennen uns noch von der Spitzkoppe, wo wir nach knapp 2.5 Stunden Fahrzeit am 7. Juli 2007 einholpern. Roland meint, dass er sich nach unserer Rückkehr als Pressluft-Hämmerer bewerben wird – die kann man immer brauchen :o)! Wer Namibia bereist, darf die Spitzkoppe keinesfalls auslassen. Was für eine schöne Gegend! Wir befinden uns in einer Steinlandschaft innerhalb der Steinlandschaft; sind von gewaltigen rötlich-gelblichen Granitfelsen umgeben. Eng stehen sie beieinander, bilden kleine Täler, wurden über die Jahrmillionen durch Erosion dermassen geformt, dass riesige Steinkugeln bedrohlich auf einer Felskante balancieren. Uns gefällt es so gut hier, dass wir gleich zwei Ruhetage einschalten. Suchen einen strategisch gut gelegenen schattigen Ort, um unsere mobile Villa aufzustellen – also, wenn so ein "Mehrtönner-Steinkügeli" plötzlich losrollt... Alle Camp-Plätze befinden sich zwischen den Felsen oder an deren Fuss in Nischen. Es kommt richtiges Höhlenbewohner-Feeling auf. Dieses wird noch verstärkt, als wir am ersten Abend unseren Benzinkocher anwerfen wollen und feststellen müssen, dass wir vergessen haben zu tanken... im Nu haben wir ein Feuer entfacht! Sonnenaufgang von einem Gipfel aus geniessen, Spaziergänge durch die märchenhafte Landschaft, 5'000 Jahre alte Felsmalereien aufsuchen, Abendstimmung bewundern, fotographieren, plaudern, lesen, schreiben, essen – uns wirds nicht langweilig! Am Tag, an dem wir Spitzkoppe verlassen, fegt – das bestätigen uns die Einheimischen – ein aussergewöhnlich heftiger Wind über die riesige Ebene. Vergleichbar mit einem Herbststurm bei uns. Für uns heisst das 12km Seitenwind und 18km Gegenwind. Nach 3 Stunden Fahrt und etlichen Trinkpausen, erreichen wir die asphaltierte Strasse. Wir sind beide erleichtert und fahren mit hervorragendem Rückenwind bis nach Arandis – alles leicht abwärts! Wir sind vollständig von Steinwüste umgeben. Nur noch wenige "Bodendecker" gedeihen bei diesen kargen Bedingungen; und ein paar Flechtenarten. In der Umgebung von Arandis wird Uran abgebaut – die Rössing Mine ist ein wichtiger Arbeitgeber in dieser Region. Markus und Patricia, hier könnten wir Euch zitieren: Polizeiposten mit Traumrasen, Nachfragen bei Town Council, abgeholt werden, Unterkunft mit klappriger Tür :o). 23km nach Arandis verlassen wir den Asphalt wieder. Über das spektakuläre Moon Valley (Mondtal) – schroffe Felsen in einer Umgebung aus rotem, braunem, schwarzem und beigem Sand – gelangen wir via Goanikontes – eine paradiesisch anmutende Oase im trockenen Flussbett des Swakop – in die Küstenstadt Swakopmund. Herrschten doch bei der Mittagsrast noch 31°C im Schatten, so frieren wir bei unserer Ankunft, denn das Thermometer zeigt gerade noch 18°C. Es hängt dichter Nebel über der Stadt und ein antarktischer Wind weht vom Meer her. Brrr! Auch Roland holt seit langem wieder einmal seine Jacke hervor. Seit Tagen schon freut sich Roland darauf, einen Zopf backen zu können, wahrend Sabine dringendst einen Hörnli-Auflauf mit Schinken "braucht". Wir belegen mal wieder die ganze Küche :o)! Nach 21 Nächten im Zelt freuen wir uns beide wieder auf richtige Betten! Welche Wohltat! Swakopmund ist eine sehr deutsch anmutende Stadt: Fachwerkhäuser, wie sie im Südschwarzwald stehen könnten (nur, dass hier alle Grundstücke durch eine hohe Mauer mit Elektrozaun-Mauerabschluss verbarrikadiert sind), man spricht deutsch, englisch und afrikaans, es gibt Konditoreien und der Metzger verkauft Landjäger. Das ist schon ein sehr eigenartiges Gefühl. Neun Tage bleiben wir in dieser Küstenstadt, treffen bereits zum dritten Mal auf Barbara und Stefan, mit denen wir uns gut verstehen, gehen Seafood essen und unternehmen u.a. einen 3-tägigen Ausflug in die südlich gelegene Hafenstadt Walvis Bay, welches mit 54'000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Namibias ist. Walvis Bay liegt an einer grossen Lagune, die den Lebensraum von ca. 120'000 Flamingos und ein paar hundert Pelikanen bildet. Wir nehmen ebenfalls an einer geführten Tour zur Rössing-Mine teil. Seit 1976 wird hier im Tagbau Uran abgebaut, wobei aus 1 Tonne Gestein 360 Gramm Erz gewonnen werden! Das gelöste Erz wird in mehreren Schritten zu Uranoxid verarbeitet, welches in die Industrienationen exportiert und dort zu Brennstäben für AKWs verarbeitet wird. Strahlend verlassen wir das Gelände :o)! Obwohl die Landschaft Namibias wesentlich abwechslungsreicher ist als jene in Botswana, gibt es auch hier weite Strecken, die monoton sind – Steine, Sand, Sand und Steine... Auch die vielfach schlechten Pisten sorgen dafür, dass wir zunehmend mit Frust statt mit Lust unterwegs sind. Vor allem Sabine hat von diesem ewigen Geholper langsam die Nase voll, aber auch Roland sieht längerfristig keine Erfüllung als Pressluft-Hämmerer :o). So beschliessen wir eine Routenänderung vorzunehmen. Per Minibus – wir haben beide keine Lust während 4 Tagen gegen den Wind anzukämpfen – werden wir daher am Samstag, dem 21. Juli 2007, nach Windhoek fahren. Von dort aus gehts dann auf Asphalt weiter in Richtung südafrikanische Grenze. Wir freuen uns sehr darauf, wenn wir wieder stabileren Untergrund unter den Felgen haben und die Velo-Akrobatik somit ein vorläufiges Ende hat. Gleichgültigkeit, mangelnde Motivation, Desinteresse, wenig ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, schlechte Bildung, fehlender Ehrgeiz und nach wie vor tief verankerte Traditionen und Aberglaube hindern das Land am Vorwärtskommen.
Beispiel Pistenunterhalt:
Beispiel NACOBTA:
Beispiel Tokoloshi: Fairerweise dürfen und wollen wir nicht nur die Schwarzen für die herrschenden Missstände verantwortlich machen. Das Land hätte ja, trotz geringer Bevölkerungszahl, theoretisch ein grosses Potential an Arbeitskräften. Wenn aber die Weissen nur sich selbst verantwortungsvolle Jobs zutrauen und den Schwarzen gegenüber oftmals Misstrauen zeigen, so liegt ein grosser Teil dieses Potentials schlicht und einfach brach.
Beispiel Verkaufspersonal:
Beispiel Werkstatt: Soviel also als Einblick ins schwarz-weisse südliche Afrika – hautnah erlebt! Tourenstatistik:
Sabine & Roland, 29.07.2007 |
||
| © pk&mk 03.08.2007 | |||