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Safari-SalamaReisebericht 13 vom 06.10. - 04.11.2006Chengdu - Guilin - Hong Kong - Xian - Chengdu - Wuhan |
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Am Freitag Morgen früh, dem 06. Oktober 2006, begeben wir uns bei heftigem Regen zum Flugplatz. Die Velos und den grössten Teil unseres Gepäcks haben wir im Hotel in Chengdu eingestellt – während des kommenden Monats sind wir per Rucksack unterwegs. Der Flug nach Guilin dauert eine gute Stunde, und als wir das Flughafengebäude verlassen, strömt uns seit langem wieder einmal feucht warmes Klima entgegen. Hier im Süden scheint's tropischer zu sein. In der Stadt beziehen wir ein zentral gelegenes Hotel, organisieren Zugtickets nach Shenzhen (vor Hong Kong) und holen Informationen ein zu Ausflügen in die nähere Umgebung. Guilin selbst hat nicht viel zu bieten, und so schlendern wir ziellos durch die Stadt. Am Fluss Li (=Lijiang) spricht uns ein Herr an, der sein Englisch trainieren will. Er möchte sich als Helfer bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking bewerben und so sind Sprachkenntnisse natürlich von grösster Bedeutung. An diesem Tag ist in China ein Feiertag – es wird das Vollmondfest gefeiert; es ist das Fest der Familieneintracht, und man beschenkt sich gegenseitig mit "Moon-Cakes" (Mondkuchen) – Bohnen-, Fleisch-, Nuss- oder Schokoladenpaste in Mürbeteig – die hier überall schön präsentiert zum Kauf angeboten und fast wie Schmuckstücke verpackt werden. Anlässlich dieses Festes findet im Stadttheater eine traditionelle Vorführung statt. Der Herr macht uns darauf aufmerksam und ist uns auch sogleich bei der Billettbeschaffung behilflich. Während 1.5 Stunden können wir eine tolle Vorstellung geniessen: Akrobatik an Seilen, Schlangenmenschen, Menschenpyramiden, Teller-Balancierer... Als krönenden Abschluss wird Roland von einer Schauspielerin doch tatsächlich zum Tanz aufgefordert und so darf er, zusammen mit einigen anderen Langnasen, sein Können auf der Bühne demonstrieren! Tagsdarauf machen wir uns gegen Abend auf zum Flughafen, denn um 21.30 Uhr wird Urs ankommen. Die Maschine landet pünktlich und kurze Zeit später nehmen die Passagiere auch schon ihre Gepäckstücke entgegen. Ungeduldig warten wir vor der Abschrankung, strecken unsere Köpfe in die Luft... doch von Urs gibts weit und breit keine Spur! Hat wohl in Guangzhou den Anschluss verpasst, denken wir, und warten noch eine Maschine ab. Doch auch dieses Mal kommen uns nur Schlitzaugen entgegen oder Tourgruppen, die einem Fähnlein hinterher watscheln. Während Roland weiter beim Gate wartet, macht sich Sabine mit Dictionnaire bewaffnet auf die Suche nach einem englisch-sprechenden Angestellten. Der kann uns nicht mehr sagen, als das was wir bereits wissen, nämlich, dass Urs nicht auf dem Flug war... Im Airport-Internet werden wir dann schlauer, denn Lukas – Sabines Bruder – teilt uns mit, dass Urs bereits in Frankfurt den Anschluss verpasst hat und somit erst 24 Stunden später ankommen wird... wenn's nichts Schlimmeres ist...! Wir setzen unser Guilin-Programm so fort, als wären wir zu dritt unterwegs und besuchen die Reed-Flute-Cave. Diese gewaltige – etwas kitschig ausgeleuchtete – aber äusserst sehenswerte Höhle mit unterirdischem See und filigranen Tropfsteinformationen befindet sich in einem der unzähligen freistehenden Karstfelsen, für die die Gegend von Guilin so bekannt ist. Beim 2. Anlauf klappts besser und so können wir Urs am Abend voller Freude empfangen! Mit einem riesigen Rucksack steht er vor uns – wir machen grosse Augen, haben wir doch erwartet, dass er mit Rollkoffer antraben wird – bereit für einen Monat Backpackerferien! Das Wiedersehen nach so langer Zeit tut gut, und wir haben uns natürlich sogleich sehr viel zu erzählen. Bereits am nächsten Morgen starten wir auf unser Backpacker-Abenteuer. Mit reduziertem Gepäck wollen wir während 3 Tagen die Gegend um Longsheng (nördlich von Guilin) erkunden. Die Busfahrt führt an terrassierten, mit Teebüschen bepflanzten Hügeln und an mit Bambus bewachsenen Hängen vorbei. In diesem Gebiet leben noch Angehörige von verschiedenen Hilltribes. Wir besuchen den lebhaften Markt in Longsheng, wo wie immer alles Erdenkbare angeboten wird: Knollen, Wurzeln, Schildkröten, Maden in Waben und Hundebeine. Wir gehen ausgezeichnet vegetarisch essen... Noch am selben Tag setzen wir die Fahrt in einem lottrigen Bus fort nach Huangluo. Dieses Dorf liegt in einem Tal am Rand der "Dragon's Backbone Riceterraces". Diese kunstvoll terrassierten Reisfelder wurden vor über 700 Jahren angelegt. Ähnlich einem Geländemodell wurde die Landschaft in aufwändiger Handarbeit entsprechend dem Verlauf der Höhenlinien gestaltet. Von Huangluo wandern wir während einer knappen Stunde steil die Hügel hoch – die Terrassen sind mit schmalen Pfaden erschlossen. In Ping'An finden wir ein einfaches aber sauberes 3-er Zimmer, von wo aus wir eine grandiose Sicht auf die unter uns liegenden Felder haben. Frühzeitig wandern wir am nächsten Morgen los. Leichter Nebel hängt in den Hügeln. Sobald Sonnenlicht auf die Felder trifft, erstrahlen die Reishalme in leuchtendem Gelb. Auf manchen Feldern sind die Bauern mit Drescharbeiten beschäftigt, und die Schläge widerhallen an den Hängen. Wir geniessen es richtig, wandern Hügel auf, Hügel ab und legen immer wieder eine Pause ein, um die prächtige Aussicht zu geniessen. Hilltribefrauen begleiten uns abschnittsweise und als wir das nächste Dorf erreichen, wird uns in einem traditionellen Holzhaus ein hervorragendes Essen serviert. Frisch gestärkt und in Begleitung einer Dorfbewohnerin marschieren wir unserem Tagesziel Dazai entgegen. Tagsdarauf nehmen wir von hier aus den Bus, der uns zurück nach Guilin bringt. Wie wir bereits vorgängig erwähnt haben, liegt Guilin inmitten einer faszinierenden Karstlandschaft. Es besteht die Möglichkeit, von Guilin aus eine Bootsfahrt auf dem Li-Fluss bis ins südlich gelegene Yuangshuo zu unternehmen. Wir möchten nicht mit einer organisierten Tour in einem der Touristenboote fahren und wählen stattdessen die abenteuerlichere "Nussschalen"-Variante. Die erste Teilstrecke müssen wir per Bus zurücklegen, denn der Lijiang führt derzeit zuwenig Wasser. In Caoping besteigen wir zusammen mit vier einheimischen Touristen einen wackligen Holzkahn. Im Nu haben wir auch schon die besten Plätze gefunden und verbringen die 3-stündige Fahrt auf der Plattform am "Schiffskopf". Obwohl es ziemlich dunstig ist, geniessen wir die gemütliche Fahrt durch diese fantastische Landschaft; der Lijiang mäandriert hier ruhig zwischen den steil aufragenden Karstgipfeln. Yangshuo ist touristisch. Hier mieten wir drei Fahrräder und erkunden die nähere Umgebung. Die weitläufige Ebene zwischen den Karstfelsen ist durchgehend mit Reisfeldern bebaut. Wir radeln über Schotterwege, durch einfache aber sehr malerische Dörfer, passieren unzählige kleine Brücken und kommen gegen die Mittagszeit an einer idyllisch gelegenen Fischzucht vorbei. Da unsere Mägen ohnehin schon knurren, legen wir hier eine Rast ein und bestellen "Bier-Fisch" – die lokale Spezialität. Im Handumdrehen wird uns ein frisch gefangenes Tier präsentiert, das dann auch umgehend im Wok landet. Das Essen schmeckt ausgezeichnet, zieht sich aber ziemlich in die Länge, denn wir sind akribisch damit beschäftigt, das Fleisch von den unzähligen Gräten zu befreien. Ein Besuch des "Moon-Hills" (Mondberg) – es gilt hier 250 Höhenmeter bei schweisstreibender Temperatur zurückzulegen – steht am nächsten Tag auf dem "Programm". Leider ist es auch heute wieder sehr dunstig, sodass uns die Aussicht auf die gefluteten Reisfelder verwehrt bleibt... dafür gibts Training für die Waden! In der nahegelegenen Ortschaft Fuli geniessen wir es, durch den noch gut erhaltenen alten Ortsteil zu spazieren. Die engen Strassenzüge sind mit Steinplatten ausgelegt, die Wohnhäuser – Stein-Holz-Bauten – sind bescheidene Einraum-Einheiten mit Hinterhof und Freiluftküche. Hier werden in Familienbetrieben Fächer aller Grössen hergestellt. Die eine Familie "konfektioniert" den Bespannungsstoff, die nächste Familie spannt den Stoff auf die Bambuslamellen, in wiederum anderen Häusern werden die Fächer von Hand bemalt. Kraniche, blühende Kirschenzweige und Szenen aus dem bäuerlichen Alltag sind dabei bevorzugte Sujets. Am Abend besteigen wir den Nachtzug, der uns in 16-stündiger Fahrt von Guilin nach Shenzhen bringt. In dieser Zugskomposition gibts keine Softsleeper-Abteile, weshalb wir uns für Hardsleeper entscheiden. Wir staunen nicht schlecht, als wir ein beinahe erstklassiges 6er-Abteil betreten. Weiche Polster mit strahlend weissem Bettzeug bezogen, alles sehr sauber und die Zugshostessen sehr darum bemüht, den Passagieren eine angenehme Fahrt zu bereiten. Wie sieht denn hier das Softsleeper-Abteil aus, fragen wir uns, und versinken bald darauf in einen Tiefschlaf. Hong Kong ist eine wahnsinnige Metropole. Das Hotel hat Urs bereits von der Schweiz aus reserviert, denn die Unterkünfte hier sind meist ausgebucht. Wir beziehen ein sehr schönes wenn auch äusserst kleines Zimmer. Ja, die Bodenpreise hier erreichen astronomische Höhen und so wird halt gequetscht, wo's nur geht. Uns gefällt's trotzdem. 13'000.- sFr. kostet hier 1m² in einer neu erstellten Upper-Class Hochhaussiedlung. Aus Gwunder schauen wir uns in einem Immobilienbüro die Pläne – natürlich jene der Erstklasswohnungen, wenn schon, denn schon – etwas genauer an, fragen den Agenten auch ein bisschen aus... und prompt glaubt doch der engagierte Angestellte, dass er ein paar solvente Fische an der Angel hat! Natürlich nehmen wir aus Höflichkeit auch seine Visitenkarte und die Projektdokumentation entgegen und verabschieden uns mit "maybe later"... man weiss ja nie :o). Hong Kong hat soviel zu bieten, dass man hier locker einige Wochen verbringen könnte. An erster Stelle steht für Roland und Sabine aber ein Besuch auf der chinesischen Botschaft an. Wir müssen ein neues Visum besorgen, denn wir wollen noch bis Anfang Dezember durchs Land des roten Drachen reisen. Hier arbeiten die Beamten schnell und zwei Tage später halten wir die Visen bereits in den Händen. Auf Hong Kong Island besuchen wir einen Pavillon über Planung und Infrastruktur. In einer guten und sehr informativen Ausstellung erfahren wir einiges über die anstehenden Grossprojekte, welche in den nächsten Jahren im Gebiet des Pearl River Deltas realisiert werden sollen. Der ehemals gefährlichste Flughafen der Welt befand sich in Hong Kong und wurde vor einigen Jahren durch eine neue hochmoderne Anlage ersetzt. Dafür wurde eigens eine bestehende Insel um mehrere km² aufgeschüttet. Für die Neugestaltung und Umnutzung des ehemaligen Flughafengeländes wurde ein Wettbewerb auf nationaler Ebene ausgeschrieben. Hong Kong trumpft ebenfalls mit der angeblich längsten Hängebrücke der Welt auf und der Schiffshafen soll weltweit derjenige mit dem grössten Umschlag sein. Am einen Abend begeben wir uns auf den Victoria Peak, von wo aus sich uns eine grandiose Aussicht über die Stadt eröffnet. Vor allem bei Dunkelheit ein sehr lohnenswerter Ausflug! Wir schauen uns auch den Vogel- und Blumenmarkt an. Jaja, man darf bloss nicht an die Vogelgrippe denken, denn der Besuch lohnt sich. Singvögel sind hier traditionellerweise vor allem bei älteren Herren ein beliebter Zeitvertreib. In wunderschön gefertigten, wenn auch beengend kleinen, Bambuskäfigen werden die zierlichen Geschöpfe gehalten; zeitlebens dazu verurteilt, auf dem im Zentrum angebrachten Holzständer zu sitzen. Der Symmetrie (=Ausgeglichenheit) wird in der chinesichen Kultur eine grosse Bedeutung zuteil. Tempel sind beliebte Orte, wo sich die Männer mit ihren Vögeln aufhalten. Die Käfige hängen sie an einen Baum, lassen den Vogel zwitschern und verbringen den Rest des Tages beim Brettspiel. Auf dem ehemaligen Schlachthofareal befindet sich heute das Künstlerviertel. Leider sind nur wenige Ateliers offen und so lernen wir Mr. Kwok kennen, der hier unter dem Namen Frog King besser bekannt ist. Er ist ein skuriler Typ und lädt uns in sein Museum ein, das selbst aus seiner Sicht als das unordentlichste der Welt bezeichnet werden kann. Frog King gilt als Avant-Gardist unter den chinesischen Künstlern und bekleidet sowohl in den USA, wie auch in Shanghai Lehraufträge. Eine herrliche Begegnung! Auch Macau statten wir einen Besuch ab. Fiel doch 1997 Hong Kong von England zurück an China, so mussten 1999 die Portugiesen ihre Kolonie an die Supermacht abtreten. In Macau gehts gemächlicher zu und her als beim grossen Nachbarn. Entlang der Meerpromenade stehen die Spielkasinos dicht an dicht und auch Sabine und Roland versuchen hier ihr Glück. 20 Hong Kong Dollar (ca.3.50 sFr.) setzen wir und haben anfänglich tatsächlich eine Glückssträhne zu verbuchen. Als es zuerst bei Sabine und kurz darauf auch bei Roland rasselt, holt Sabine schon mal einen grossen Kübel, damit wir den Gewinn auch sicher sammeln können. Wir denken bereits an eine Verlängerung unserer Reise, hihihi. Eine Stunde später ist der Kübel wieder leer... :o). Macau könnte auch am Mittelmeer sein. Viele Bauten aus kolonialer Zeit verleihen der Stadt einen vertrauten Charme, das Klima ist mediterran – uns gefällt die Stadt sehr gut. Am Freitag, dem 20.Oktober 2006, fliegen wir von Hong Kong nach Xian. Die kulturträchtige ehemalige Kaiserstadt und ehemalige Landeshauptstadt gehört zu den Hauptsehenswürdigkeiten Chinas und ist Bestandteil mancher Pauschalreise der europäischen Reiseveranstalter. So sind hier, nebst den Scharen von chinesischen Gruppen, zur Abwechslung auch mal westliche Touristen anzutreffen. Xian kann mit einer weltbekannten und zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörenden Attraktion aufwarten; der Terracotta-Armee. In der Han-Dynastie (ca. 200 v.Chr. – 200 n.Chr.) wurden diese lebensgrossen Tonfiguren als Grabbeigaben für den damaligen Kaiser hergestellt. Die Krieger sollten den Herrscher im Jenseits beschützen. Die Archäologen vermuten, dass insgesamt über 6'000 Figuren vergraben wurden. Bisher hat man bereits mehr als 1'000 Soldaten freigelegt. Alle Figuren weisen ein anderes Gesicht auf und waren allesamt mit echten Waffen ausgerüstet. In 4-er Kolonnen stehen die beeindruckenden Tonsoldaten in Reih und Glied zwischen Erdwällen, welche ursprünglich mit Bambusstämmen und Bambusmatten überdacht waren. Heute überspannt ein gewaltiges Tonnengewölbe die Ausgrabungsstätte, um die Terracotta-Armee vor dem Zerfall zu bewahren. Xian ist von einer 14km langen mächtigen Stadtmauer umgeben. Sie schützte die Bewohner der Hauptstadt während der Han-Dynastie. Im sehr informativen Historischen Museum können wir einiges über die Geschichte und Kultur der hiesigen Provinz Shaanxi erfahren. Als eines der besten Museen Chinas zeigt es in einer umfangreichen Sammlung mit bis zu 6'000-jährigen Fundgegenständen das kulturelle Erbe aus vergangenen Epochen. Kulinarisch lassen wir uns natürlich wie eh und je von der Vielfalt der chinesischen Küche verwöhnen. Doch hier erleben wir wieder einmal einen Tag, wo wir etwas überrascht sind, als die Teller serviert werden... Die Menukarte ist vorbildlich gestaltet: Farbfotos in Hochglanz. Urs hat wieder mal Lust auf "öppis Fleischigs", wählt sich ein gluschtiges Menu aus, fest davon überzeugt, in Bälde einen Teller mit geschnetzeltem Poulet und Gemüse serviert zu bekommen. Doch weit gefehlt: Uns wird eine Schale mit Froschschenkeln an brauner Sauce serviert – allesamt in Spagat-Stellung! Oh je, den Kerlen ist ohnehin nicht mehr zu helfen und so beissen wir halt auf die Schenkel. Viel ist nicht dran. Mit der Besichtigung der grossen Wildganspagoda und der dazugehörigen Tempelanlage, sowie dem lebhaften, aber eher ärmeren Moslemviertel runden wir unseren Aufenthalt in Xian ab und besteigen am 24. Oktober 2006 den Nachtzug nach Chengdu. Die Schlafwagen sind nicht mehr so sauber und komfortabel wie auf dem Weg von Guilin nach Hongkong. Auch scheint das Rollmaterial nicht auf dem neusten Stand der Technik zu sein. So tuckert der Zug auf der 16-stündigen Fahrt nach Chengdu vor sich hin und hält des öfteren, um die entgegenkommenden Kompositionen passieren zu lassen. Nachts finden Sabine und Roland kaum Schlaf, und so blicken wir ziemlich verschlafen drein, als wir morgens früh um 05.30 Uhr pünktlich in der Millionenmetropole einrollen. In Chengdu fühlen wir uns schon bald wie zu Hause, sind wir doch bereits das 3.Mal hier. Urs ist sofort begeistert vom Hotel. Es befindet sich in einem Flügel eines Teehauses, einem historischen Bau mit grünem, baumbewachsenem und sehr einladendem Innenhof. Da wir das Zimmer noch nicht beziehen können, stellen wir unser Gepäck ein und beschliessen die Pandaaufzuchtstation ausserhalb Chengdus zu besuchen. Die drolligen Kerle sind nur morgens aktiv, nämlich dann, wenn sie gefüttert werden. Die restliche Zeit verbringen sie schlafend. Die grosszügigen und naturgetreu angelegten offenen Gehege bilden einen idealen Lebensraum für die in den Bergen von Westsichuan beheimateten Grossen Pandas. In freier Natur gibt es schätzungsweise nur noch um die 1'500 Tiere. Umso wichtiger ist es, behutsam mit der vom Aussterben bedrohten Tierart umzugehen und ihr ein Überleben in Gefangenschaft zu ermöglichen. Von Zeit zu Zeit wird auch das eine oder andere Tier ausgewildert. Vor diesem Hintergrund sind die Geburten von 9 jungen Pandas im August dieses Jahres ein Riesenerfolg. Natürlich sind die kuscheligen Jungtiere die Hauptattraktion im Park. Es ist aber auch ein Vergnügen den ausgewachsenen Tieren beim Herumspielen und Herumtollen zuzusehen oder sie zu beobachten, wenn sie lässig auf ihren Hintern sitzen und dabei gemächlich Bambusast um Bambusast verzehren. In Chengdu besichtigen wir u.a. einen taoistischen Tempel, der nach wie vor von vielen Gläubigen aufgesucht wird. Urs kommt auch in den Genuss, den hier typischen fondueähnlichen Hot-Pot zu probieren. Eine wahre Köstlichkeit, die in vielen Restaurants angeboten wird. Auch die chinesische Massage lassen wir uns nicht entgehen. Urs ist leicht zu überreden und so werden wir während einer Stunde von Kopf bis Fuss durchgeknetet; eine richtige Wohltat. Auf einem Tagesausflug nach Leshan besichtigen wir den angeblich weltweit grössten Buddha. Die 71m hohe Figur ist in einen Felsen gehauen, welcher sich entlang des Flusses zieht. Die zwischen 731 n.Chr. und 803 n.Chr. entstandene Steinmetzarbeit ist das Resultat einer Idee eines Mönches. Zu jener Zeit war der Fluss durch etliche Stromschnellen schwer schiffbar. Um diese Untiefen zu beseitigen, brauchte es eine Menge Schutt, welche durch das Abtragen der Felswand gewonnen wurde. Da Sabines Geburtstag auf den Tag fällt, an dem wir nach Chongqing weiterreisen, feiern wir vorgängig. Roland lädt Sabine und Urs in ein gemütliches japanisches Restaurant ein, wo uns ein grosses Buffet mit Sushi, Sashimi, gebratenem und frittiertem Fleisch und Gemüse, sowie anderen japanischen Köstlichkeiten erwartet. Danach gehts in eine sichuanesische Theater-Vorführung. In der äusserst unterhaltsamen Darbietung bekommen wir einen Einblick in die Sichuan-Oper, die akrobatischen Künste und die musikalische Tradition dieser Provinz. Insbesondere die verblüffende Kunst der Maskenwechsel versetzt uns in Staunen. Im Bruchteil einer Sekunde wechseln die Schauspieler ihre Gesichtsmasken, ohne dass die Zuschauer von diesem Vorgang etwas mitkriegen. Wir geniessen diesen Abend sehr und sind hell begeistert. Am folgenden Tag absolvieren wir einen Kochkurs, bei dem wir 5 Spezialitäten aus der Küche Sichuans erlernen. Sämtliches Gemüse und Fleisch schneiden wir mit dem typischen grossen chinesischen Küchenmesser zu. Die Chinesen braten fast alles im Öl und entsprechend trieft das Essen meist vor Fett. In ein bis zwei Minuten ist das Gemüse bereits fertig gebraten, nur noch schnell die Sauce dazu und schon steht das leckere Gericht auf dem Tisch. Die Küche Sichuans ist sehr scharf. Unsere feinfühligen Gaumen reagieren da etwas empfindlich und so sind wir mit dem Würzen eher etwas zurückhaltend. Das Kochen bereitet uns grossen Spass, doch geht alles ein wenig zu schnell, und wir können die Mahlzeiten kaum richtig geniessen. Am 29. Oktober 2006 machen wir uns mit vollbeladenem Radel, resp. per Taxi, auf zur Busstation, wo wir einen komfortablen Bus besteigen, der uns nach Chongqing bringt. Das Wetter ist, wie bereits die letzten Tage, sehr dunstig und weniger freundlich. Auf der 4.5-stündigen Fahrt passieren wir vereinzelte Teeplantagen, sowie Agrarlandschaft. Chongqing mag wohl den meisten von Euch unbekannt sein, und so werdet ihr umso mehr staunen, wenn ihr erfahrt, dass dies – mit 20 Mio. Einwohnern – die grösste Stadt Chinas sein soll. Uns ging es genau so. Seitdem wir in China sind, kommen wir immer wieder in Städte, von denen wir vor unserer Reise noch nie etwas gehört haben und müssen dann feststellen, dass diese Metropolen meist mehr Einwohner haben als unsere kleine Schweiz. Städte in der Grösse von Zürich gibt es hier weit mehr als hundert. Diese Bevölkerungsmasse erleben wir täglich hautnah: In allen Strassen wimmelts und steht die Fussgängerampel auf Rot, so sind im Nu gegen 100 Leute versammelt, die darauf warten, dass sie die Strasse überqueren können. In Chongqing werden wir beim Entladen unserer Fahrräder sogleich von zahlreichen Schaulustigen umringt. Während dies für Sabine und Roland schon längst zur Gewohnheit geworden ist, ist Urs schon ziemlich erstaunt ob der Neugier der Einheimischen. Die Stadt ist sehr laut, ausgesprochen schmutzig und überfüllt. Strassen sind bis in 4 Ebenen übereinander angelegt und führen zum Teil direkt vor den Wohnblöcken durch, und dies im 10. Stockwerk. Gewaltige Brücken führen über den Yangtse und landen mitten in heruntergekommenen Quartieren. Der Fluss ist hier etwa 1km breit und eine schmutzig-schlammige Brühe. Am Hafen besteigen wir am Abend ein 5-stöckiges Passagierschiff, welches uns, sowie zwei schottische Langnasen und 300 Chinesen im Verlauf der nächsten 3 Tage nach Yichang bringen wird. Seit jeher war der Yangtse – nach dem Amazonas und dem Nil der drittlängste Fluss der Erde – ein unberechenbares Gewässer. Regelmässig trat er im Frühjahr über die Ufer, als im Himalayagebiet die Schneeschmelze einsetzte und den Wasserpegel ansteigen liess. Weite Teile der Ebene, die er auf seinem Weg nach Shanghai passiert, wurden überflutet; alljährlich bedeutete dies für viele Menschen den Tod. Gefährliche Stromschnellen und Felsblöcke, die sich mitten im Wasser befanden, verhinderten abschnittsweise die Schiffspassage. Treidler kamen dann zum Einsatz, die mit ihrer vollen Muskelkraft vom Land aus die Frachtkähne durch die hindernisreichen Stellen zogen. Die Idee, den Yangtse in irgendeiner Weise zu bändigen, kam vor ca. 100 Jahren auf; gegen Ende der Qing-Zeit – also während der letzten Kaiserdynastie. Unter Maos Herrschaft entwickelte sich dann erstmals der Gedanke, ein Staudamm zu errichten; ein Szenario, das in den folgenden Jahrzehnten weiter ausgearbeitet wurde. 1992 genehmigte der Nationale Volkskongress das gigantische und äusserst kontroverse Projekt und noch im selben Jahr wurde mit dem Bau begonnen, der 17 Jahre dauern sollte. Das vor allem im Ausland umstrittene Projekt sieht den Bau eines 2.5km langen Staudamms vor, welcher mittlerweile bereits errichtet wurde und sich unmittelbar vor der Stadt Yichang befindet. An dieser Stelle wird bis Projektvollendung der Wasserspiegel um 175m angehoben werden – in der Folge entsteht ein 500km langer Stausee. Im heimtückischen Abschnitt der drei Schluchten, also zwischen Chongqing und Yichang – wird dadurch die Schiffspassage durchgängig ermöglicht. Die Gefahr der Überflutung wird der Vergangenheit angehören. Gegen 2 Mio. Menschen müssen ihr Land verlassen und werden umgesiedelt – z.T. auf anderer Leute Grundstücke... Neue Brücken werden gebaut und Uferbefestigungen vorgenommen. Archäologen versuchen noch zu retten, was zu retten ist und viele historische Anlagen, welche in Ufernähe erstellt wurden, werden überflutet werden. Inseln werden überschwemmt, Bergspitzen werden zu Inseln, Tiere verlieren ihren Lebensraum, Trampelpfade führen direkt ins Wasser und Bäume bekommen nasse Füsse. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, aber an der Staumauer sind bereits erste Risse aufgetreten. Viele Bauunternehmungen haben infolge des Preiskampfs minderwertige Materialien eingesetzt. Sollte das Bauwerk in Zukunft nicht standhaft sein, so würde die gewaltige Flutwelle mehr als 100km weit talwärts schwappen und mehrere Millionen Menschen in den Tod reissen. Nach offiziellen Angaben belaufen sich die Gesamtkosten auf 90 Milliarden Yuan, was in etwa 15 Milliarden sFr. entspricht. Besonders brisant an diesem Projekt ist, dass die Verantwortlichen schon heute wissen, dass der Stausee bis in 70 Jahren infolge der eingeleiteten Abwasser (es wird das grösste WC der Welt!!!) derart verschlammt sein wird, dass er unbrauchbar wird. Nach der Fertigstellung im Jahr 2009 wird das Kraftwerk in einem Radius von 1'000km Strom liefern können, was der Distanz Yichang - Shanghai entspricht. Die meisten Teile des Landes werden somit abgedeckt werden. Von Umweltschutz spricht hier keiner. Dieses grössenwahnsinnige Projekt ist ein bedrückendes Kapitel in der heutigen chinesischen Politik, wo einmal mehr deutlich wird, wie die Regierung rigoros und ohne Rücksicht auf Verluste darauf erpicht ist, Mordsprojekte zu verwirklichen. Unsere 4-er Kabine ist klein und relativ bescheiden ausgestattet. Auf der 2. Etage befindet sich ein Restaurant, während auf dem Deck eine Karaoke-Bar und Spielräume eingerichtet sind. Meist halten wir uns auf dem Deck auf und geniessen bei Tee und Nüssen den Blick ans Ufer. Leider ist das Wetter während der ganzen drei Tage ziemlich trübe. Derzeit liegt der Wasserpegel bereits um 156m höher, Tafeln mit Höhenkoten weisen auf den Endzustand hin. Hin und wieder gibts Landgang und wir besuchen einen grossen Wasserfall und eine schöne alte Tempelanlage mit verschiedenen Höfen, welche mittlerweile auf einer Insel steht. Die Durchfahrt durch die berühmten drei Schluchten und die kleineren drei Schluchten, die sich an einem Nebenfluss befinden, bilden den Höhepunkt des Ausflugs. Auf dem Schiff erleben wir zum ersten Mal hautnah, wie sich chinesische Reisegruppen aufführen... und sind erleichtert, als wir nach 3 Nächten das Schiff wieder verlassen können. Als Abschluss des Yangtse-Ausflugs steht natürlich der Besuch des Drei-Schluchten-Staudamms an. Bei aller Mächtigkeit, die da vor uns steht, müssen wir zugeben, dass wir irgendwie alle etwas "enttäuscht" sind, denn wir haben uns die Anlage noch viel gewaltiger vorgestellt. 185m hoch ist die Mauer, wobei sie auf Stauseeseite derzeit knapp 20m, talseits 120m übers Wasser ragt. Wenn wir so davor stehen, so haben wir das Gefühl, dass die Grande Dixence im Wallis da locker mithalten kann. Ein Schiffshebewerk und eine 5-stufige Schleusenanlage sind bereits in Betrieb. 33 Turbinen mit einer Leistung von je 700GWH sind im Einsatz. Mit Bussen werden die Besucher von einem Aussichtspunkt zum nächsten chauffiert. Hier sind wir dem rüppelhaften und rücksichtslosen Verhalten der Einheimischen hilflos ausgeliefert: Alle stossen heftig, drängen durch die Bustür, manche werden handgreiflich, verprügeln sich gegenseitig, chödern, spucken, grinsen doof. Mit aller Kraft schaffen auch wir es, einen Bus zu besteigen und sind heilfroh, als wir Yichang erreichen. Dort gelingt es uns nach langem Hin und Her doch noch, unsere 2 Velos, 10 Taschen und zwei Rucksäcke in einen Bus zu verladen, der uns nach Wuhan bringt. Wir sind geschafft und, gelinde ausgedrückt, der Chinesen derzeit etwas überdrüssig. Dies sollte sich in den nächsten Stunden jedoch schlagartig ändern: Vom Busbahnhof aus machen wir uns zu Fuss auf in Richtung Hotel, irren etwas umher, da auf dem Stadtplan irgendwas nicht stimmt. Eine junge Frau bietet uns sogleich ihre Hilfe an und führt uns zu unserem Hotel. Obwohl sie selbst angeblich auch in einem Hotel arbeitet, versucht sie uns in keiner Weise zu ihrem Arbeitgeber zu zerren. Der Hotelmanager unseres Hotels ist ebenfalls äusserst zuvorkommend und als wir in der Stadt Abendessen gehen, lädt uns der Wirt kurzerhand für den nächsten Abend zum Essen ein. Zurück im Hotel, stellen wir fest, dass uns die hilfsbereite Frau unter der Tür einen Stadtplan mit Tipps durchgeschoben hat. Nachdem was wir in den letzten Tagen und Stunden mit den Einheimischen erlebt haben, sind wir schlichtwegs überwältigt von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die uns nun so plötzlich entgegengebracht wird. Am nächsten Morgen gehen wir uns gleich bei der Frau bedanken und verabreden uns für den späteren Abend, denn erst wollen wir ja noch die Einladung im Restaurant einlösen. Wir haben es also plötzlich richtig streng! Als wir nach dem Essen ins Zimmer zurückkehren, finden wir einen Riesenblumenstrauss vor – ein Geschenk des Managers! Wir können es kaum fassen. Wie vereinbart, kommt uns die Frau noch besuchen und wir verabreden uns für nächsten Morgen, denn die Frau anerbietet sich, uns während eines ganzen Tags durch die Stadt zu führen. Sie freut sich, dass sie ihre Englischkenntnisse endlich anwenden kann und wir spüren ihren Stolz, Fremden ihre schöne Stadt zu zeigen. Pünktlich sind wir tagsdarauf am vereinbarten Treffpunkt und kommen aus dem Staunen nicht heraus als wir feststellen, dass die Frau nicht nur ihren freien Tag für uns geopfert hat, sondern auch noch gleich einen Freund mobilisiert hat, der uns mit dem Auto durch die Gegend chauffiert. Sie bringen uns zum Provinzmuseum, fahren mit uns um den sehr schönen Ost-See, führen uns zu einem feinen Restaurant, wo sie uns zum Essen einladen, zeigen uns einen Berg mit einem Tempel drauf und bringen uns zum Abschluss des Tages zu einer für die Stadt bedeutungsvollen Pagode. Alle unsere Bemühungen, die beiden zum Abendessen einzuladen, landen auf wenig fruchtbarem Boden, denn unsere zwei Stadtführer wollen die Einladung schlichtwegs nicht annehmen. Am Samstag, dem 4. November 2006, geht für Urs die Chinareise zu Ende. Wir haben eine sehr schöne und äusserst vielseitige Zeit zusammen erlebt und der Abschied fiel nicht ganz leicht. Für uns zwei stellte dieser Backpacker-Monat eine willkommene Abwechslung zum Radleralltag dar. Am 5. November werden wir zum vorläufig letzten Mal unseren Plunder in den Bauch eines Überland-Buses verladen und nach Jingdezhen fahren. Knapp einen Monat haben wir noch Zeit, denn am Sonntag, dem 3. Dezember werden wir den asiatischen Kontinenten verlassen und von Shanghai nach Auckland (Neuseeland) fliegen. Dort bekommen wir schon wieder Besuch, denn Beata, Sabines WG-Kollegin, und Beatas Kollegin Silvia werden uns während drei Monaten per Radel durchs Land der Maori begleiten. Wir freuen uns riesig darauf, während der nächsten Zeit zu viert durch die Gegend zu düsen! Tourenstatistik:
Sabine & Roland, 06.11.2006 |
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