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Safari-SalamaReisebericht 12 vom 19.08. - 05.10.2006Zhongdian - Litang - Chengdu - Jiuzhaigou Nationalpark - Chengdu |
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Zhongdian ist für die nächsten zwei bis drei Wochen die letzte grössere Ortschaft in der wir uns aufhalten, denn von hier aus starten wir unser Abenteuer in die Bergwelt von Südwest-Sichuan. Dieses Gebiet ist sehr spärlich besiedelt und gehörte bis 1959 zu Tibet. Es erstaunt deshalb nicht, wenn hier die Mehrheit der Bevölkerung aus Tibetern besteht und die tibetische Kultur noch tief verwurzelt ist. Es sind genau diese noch traditionell lebenden Bergvölker und ihr aussergewöhlicher, hoch in den Bergen gelegener Lebensraum, die uns interessieren und die uns dazu bewegen, diese strapaziöse aber äusserst lohnenswerte Tour anzugehen. Wir begegnen nicht nur dem tibetischen Volk und lernen dabei seine Lebensweise näher kennen, sondern dürfen auch eine phantastische Bergwelt erleben, müssen viele hohe Pässe überwinden und können die Fahrt durch idyllische Täler geniessen. In diesen 21 Tagen bewältigen wir 14'545 Höhenmeter und bewegen uns mehrheitlich auf einer Höhe von über 4'000m. Nasskaltes und ziemlich trübes Wetter erwartet uns, als wir Zhongdian hinter uns lassen. Doch auch dieses unfreundliche Wetter hat durchaus seinen Reiz, herrscht doch eine mystische Stimmung über der moorähnlichen Hochebene, welche mit Binsen bewachsen und von mäandrierenden Bachläufen durchzogen ist. Dazwischen weiden Yakherden. Schon bald hellt sich der Himmel auf und lässt den saisonal entstehenden Napa-See in pittoresken Farbtönen aufleuchten. Bald gilt es, den ersten kleineren Pass zu überwinden. Das Bild, das sich uns auf der anderen Passseite zeigt, ist sagenhaft. Gut 1'400m unter uns liegt ein enges Tal, umgeben von mächtigen Bergen. Und das Schöne daran ist, dass wir jetzt alles runterflitzen dürfen. Die hier noch sehr gute Asphaltstrasse schlängelt sich die steilen Bergflanken hinunter, bis sie in der Ferne nur noch als dünne Linie erkennbar ist. An den Hängen "kleben" vereinzelt die für diese Region typischen weiss gestrichenen tibetischen Adobehäuser. Auf unserer rasanten Abfahrt legen wir nur Stops ein um die Aussicht zu geniessen oder die Felgen abzukühlen. Im Tal unten ändert sich die Vegetation. Es ist markant wärmer und Weidenbäume säumen den idyllischen Bachlauf. Bald verlassen wir den Yunnan-Tibet-Highway und fahren während gut 20km auf einer holprigen und staubigen Schotterpiste; vorerst noch dem Yangtse und später einem seiner unzähligen Zuflüsse entlang. Tief unten in einer Schlucht und beidseitig von steil aufragenden schroffen Felswänden flankiert, pedalen wir wieder Höhenmeter um Höhenmeter bergwärts. In Derong (2'474m.ü.M.) legen wir unsere zweite Übernachtung ein. Diese Kleinstadt, eingeklemmt in einem engen Tal, gefällt uns überhaupt nicht. Mit den schmutzigen Strassen und den herumhängenden Bewohnern hinterlässt dieser Ort eher ein tristes Bild. Beim preislich völlig überrissenen Hotel müssen wir uns einmal mehr beschweren und einen Teil des Geldes zurückverlangen, da kein kaltes, sondern nur siedend heisses Wasser fliesst. Sonntags würde eben das kalte Wasser immer abgestellt, informiert uns die Zimmernachbarin, die ein wenig englisch spricht. Unser Beharren auf eine teilweise Rückerstattung – es ist abends um 22.00h und in unserem Zimmer haben sich bereits etliche andere Hotelgäste versammelt – hat sich gelohnt und siehe da: Eine knappe Stunde später können wir sogar eine wohltemperierte Warmwasserdusche geniessen. Während der nächsten drei Tage bis zur Kleinstadt Xiangcheng (3'086m.ü.M.) fahren wir verschiedenen Bachläufen entlang und haben dabei zwei Pässe zu überqueren. Es ist eine sehr abwechslungsreiche Fahrt auf guter, spärlich befahrener Asphaltstrasse. Die wenigen ebenen Flächen zwischen den Bergketten und dem Bach sind mit Mais und Reis kultiviert. Auch die Architektur hat sich leicht verändert. Es dominieren in dieser Gegend burgähnliche, wohlproportionierte Wohnhäuser aus einem Lehm-/Steingemisch. Die Fenster sind verhältnismässig klein und mit Ornamenten versehen, die der tibetischen Kultur eigen sind. Unsere Unterkünfte auf diesem Abschnitt beschränken sich auf sehr bescheidene Zimmer. In "Zhu", so haben wir diesen Ort aus dem Tibetischen übersetzt, steuern wir das einzige moderne Gebäude an, fest davon überzeugt, dass es das Guesthouse sein müsse. Umgehend werden wir auf das alte holzige Nachbargebäude verwiesen. Die traditionell gekleidete Besitzerin führt uns in den dunklen Raum, der nur über eine steile Holztreppenleiter erreichbar ist. Im Zimmer stehen drei Betten mit seit Monaten nicht mehr gewaschenem Bettzeug. Als Matratzen dienen mehrere Deckenlagen und in der Luft hängt ein penetranter Fussschweissgestank. Wir sind nicht die Einzigen, die hier einquartiert werden; eine mollige Tibeterin belegt das dritte Bett. Ansprüche darf man hier keine haben; wir können froh sein, ein Dach über dem Kopf zu haben. Sämtliches Gepäck und auch die Fahrräder stemmen wir die Leiter hoch, denn unbeaufsichtigt lassen wir unsere Ausrüstung nie. Das Gesicht können wir in einem Hinterhof an einer Wasserstelle waschen, wo bereits die Hälfte der Dorfbewohner ihre Toilette verrichtet und die Nachbarn ihr Gemüse säubern. Das WC-Hüttchen liegt auf der anderen Strassenseite hinter mehreren Gebäuden. Verpflegen tun wir uns in einer düsteren Essbude. Gekocht wird überall im Wok über einer Gasflasche oder dem offenen Feuer. Das Essen schmeckt immer ausgezeichnet, auch wenn das Gemüse meist sehr ölig ist. Der Pass auf 3'803m, den wir tagsdarauf meistern, ist ein Vorgeschmack auf die bevorstehenden Etappen. An diesem Tag finden wir keine Essbude entlang der Strasse und als wir uns bei einem Wohnhaus nach einer Verpflegungsmöglichkeit erkundigen, werden wir sofort zum Essen eingeladen. Wir werden in den düsteren und schmutzigen Kochraum im Obergeschoss geführt. Überall wimmelt es vor Fliegen, die sich auf den klebrigen Tisch- und Sitzflächen und im herumstehenden ungewaschenen Geschirr wohl fühlen. Uns ekelt es richtig an. Hat nicht jeder Mensch das Grundbedürfnis nach einem Minimum an Sauberkeit, zumal hier weder Wasser noch Brennholz Mangelware ist? Wir wollen bereits wieder rechtsumkehrt machen, doch: zu spät... schon steht der gesamte Familienclan um uns versammelt und uns werden zwei Schalen Reis angeboten. Wie schon so oft auf dieser Reise heisst es auch jetzt das Gesicht zu wahren, und so setzen wir uns widerwillig. Vom Eintopfgericht fischen wir nur das fade Gemüse zwischen den schwimmenden Fettmocken heraus. Herunterspülen können wir es mit Grüntee – immerhin! Alle Augenpaare sind auf uns gerichtet, ohne dass ein Wort gewechselt wird. Nicht ganz satt, aber ziemlich appetitlos, bedanken wir uns höflich für die liebenswürdige Gastfreundschaft – wer bei uns in der Schweiz würde einfach ein Paar wildfremde Radler zum Essen einladen? – und verabschieden uns. An diesem Tag haben wir das grosse Glück, aus näherer Distanz einen Steinadler beobachten zu können. Majestätisch zieht er über uns seine Kreise, lässt sich mit Hilfe der Thermik in höhere Lagen treiben, bis er als winziger Punkt hoch oben in der steilen Felswand verschwindet und wir ihn aus den Augen verlieren. Noch drei weitere Male auf unserer "Tibet-Tour" werden wir Steinadler beobachten können. In "Zedah" übernachten wir bei Privatleuten in einem traditionellen Adobehaus, denn das einzige Guesthouse im Ort ist belegt. Das Obergeschoss des sehr grossen Wohnhauses besteht aus einem einzigen Raum von ca. 8x15m. Es fällt nicht viel Licht durch die kleinen Fenster auf den gestampften Lehmboden. Entlang der Fassade steht ein Bett nach dem andern – heute übernachten wir bei Schneewittchen und den sieben Zwergen. Auch hier sind wir nicht die Einzigen, denn plötzlich realisieren wir, dass uns ein Schweinekopf beobachtet. Zwischen Fettmocken und Rippen baumelt er an einer Schnur und sieht nicht so glücklich aus – unser Zimmer ist gleichzeitig die Räucherkammer und durch die grosse Aussparung im Boden können wir direkt auf die Feuerstelle runterblicken. Fliessendes Wasser gibt es nicht; das kostbare Nass muss in mühsamer Arbeit vom Fluss hergetragen werden. Die Latrine im Holzverschlag meiden wir und wässern stattdessen den Hof. Von "Zedah" aus folgen wir einem schönen Tal, das uns sehr ans Roseggtal erinnert. Bei Sonnenschein und blauem Himmel nehmen wir den 20km langen Aufstieg auf den 4'320m hohen Pass in Angriff. Wiederum flattern uns auf der Passhöhe die farbigen Gebetsfahnen entgegen. Viele Einheimische sind hier oben versammelt. Zwei Frauen bieten uns Äpfel an und eine Gruppe von Pilzsammlern offeriert uns schmatziges gesüsstes Yakmilch-Joghurt. Herrlich! Als die ersten dunklen Wolken am Himmel aufziehen wird es für uns höchste Zeit, die 30km lange Abfahrt nach Xiangcheng (3'086m.ü.M.) unter die Räder zu nehmen. Doch der Himmel verfinstert sich rasant und nach 10km hat uns das Gewitter auch schon eingeholt. Donner und Blitz entladen sich direkt über uns – aus ists mit der Gemütlichkeit – und wir suchen Schutz unter einem Busch. Die Temperatur fällt merklich und uns wird langsam kalt. Sobald die schlimmsten Regengüsse vorbei sind, packen wir uns warm ein und setzen die Fahrt bei dichtem Nebel fort. In einem guten Hotel beziehen wir ein Zimmer – hei, wie ist das wieder schön, nach so manchen sehr entbehrungsreichen Nächten! Hier legen wir nach fünf Radlertagen einen Ruhetag ein; unsere Oberschenkel sind uns dankbar dafür :-). Nun folgt der wohl anstrengendste Tag unserer bisherigen Radreise. Die 84km nach Sumdo und die über 2'000 Höhenmeter auf den dazwischenliegenden Pass auf 4'870m.ü.M. wollen wir in einem Tag schaffen. Aufgrund der Regengüsse am frühen Morgen legen wir leicht verspätet los. Wiederum einem sehr idyllischen Fluss entlang, radeln wir stetig talaufwärts. Die tibetischen Siedlungen liegen verzettelt auf den vom Fluss freigestellten Plateaus oder an den steilen Berghängen. Nach 30km biegen wir in ein Nebental ein und befinden uns bald in einer tiefen Schlucht. Die Strasse ist in die senkrechten Felswände eingeschnitten und wird zunehmend steiler. Der nächste Vegetationswechsel kündigt sich an, als wir den Nadelbaumwald verlassen und uns kurz darauf in einer Buschlandschaft befinden. Hier schlängelt sich der Bergbach nur noch mit leichtem Gefälle zwischen den Sträuchern durch. Immer wieder kommen Kinder an den Strassenrand gerannt und winken uns zu. Die Leute leben in einfachsten Bretterhütten, welche teilweise mit Plastik "ausgebessert" sind. Auf einer Höhe von 4'300m.ü.M. verschwinden die letzten Büsche und werden von alpinen Weiden abgelöst. Schon bald erscheinen die ersten Jurtensiedlungen, bestehend aus wenigen Zelten mit grober, dunkler Stoffbespannung. Singend kommen uns Hirtenjungen entgegen, welche ihre Yaks zusammentreiben. Es sind schöne und melodiöse Klänge – es wird uns richtig warm ums Herz. Ein Tibeter, der gerade daran ist einen Zaun zu reparieren, bittet uns, von ihm ein Foto zu machen. Mit ausgesprochener Freude und riesigem Stolz posiert er auf der Weide und zupft sich sein zerzaustes Haar zurecht. Als wir ihm auf dem Display das Bild zeigen, strahlt er über beide Ohren und möchte gleich einen Ausdruck davon haben. In solchen Situationen wäre wirklich eine Polaroid-Kamera das Ideale! Die letzten Kurven scheinen nicht enden zu wollen und als wir nach über neun Stunden im Sattel erschöpft die Passhöhe erreichen, fallen wir uns einfach nur noch in die Arme. Auf dieser Höhe ist die Luft schon ziemlich dünn und das Radeln wird einiges anstrengender. Schnell ziehen wir etwas Warmes über und geniessen die fantastische Aussicht auf die hügelige Weite, welche gerade noch in den letzten Sonnenstrahlen leuchtet. Es ist wirklich als ob man sich auf dem Dach der Welt befinden würde. Bei frischen 7 Grad machen wir uns auf die verbleibende 20km-Abfahrt, welche anfänglich noch über Schotter führt. Bei bereits vorangeschrittener Dämmerung rollen wir in Sumdo (4'100m.ü.M.) ein. Glücklich, eine Unterkunft gefunden zu haben, sinken wir todmüde auf die harte Pritsche. Etwas ausserhalb von Sumdo statten wir einem kleinen buddhistischen Kloster einen Besuch ab. Herzlich werden wir von einem Mönch hereingebeten. Der eigentliche Gebetsraum ist abgeschlossen und so werden wir vom Novizen direkt in den Schlaf-/Wohnraum der jungen Mönche geführt. Mit grossem Stolz präsentiert er uns den mit Dalai Lama-Bildern und solchen von andern hohen buddhistischen Geistlichen dekorierten Raum. Überall hängen bunte Gebetsfahnen, stehen Yakfett-Kerzen und Buddhafiguren. Es ist ziemlich kalt und wir werden in die düstere Kochkammer gebeten. An einem wärmenden Holzofen sitzen ein Mönch und weitere Novizen auf kleinen Holzschemmeln. Aus ihren Schalen essen sie mit blossen Händen Tsampa, die Hauptmahlzeit der Tibeter. Sie besteht aus Roggenmehl, welches mit Buttertee und Yakfett zu einer teigigen Masse geknetet wird. Dazu wird Buttertee getrunken. Yakbutter wird dabei mit Tee oder Wasser aufgekocht und mit Salz und anderen Kräutern gewürzt. Für uns eher gewöhnungsbedürftig... Die wortarme Unterhaltung findet mit Gestikulieren und Wörterbuch statt. Dankend verabschieden wir uns von den gastfreundlichen Mönchen und setzen unseren Weg fort. Während den nächsten zwei Tagen können wir die karge und von steinigen Feldern gekennzeichnete Landschaft in der völligen Abgeschiedenheit der Hochebene Südwest-Sichuans erleben. Hier gibt es keine Siedlungen mehr, denn wir befinden uns konstant auf einer Höhe zwischen 4'300 und 4'700m.ü.M. Nur noch selten erblicken wir einige Jurten, denn die Natur gibt hier nicht mehr viel her. Trotz dieser Höhe ist es erstaunlich warm, nur der Wind bläst uns zeitweise kräftig entgegen. Da wir die nächste Siedlung im Tal nicht mehr erreichen können, halten wir nach einer anderen Möglichkeit zum Übernachten Ausschau. Bald erblicken wir auch schon eine Gruppe von Zelten, wo wir uns nach einer Unterkunftsmöglichkeit erkundigen. Über unsern Besuch erfreut, bieten uns die zwei Männer sogleich das Holz-Vorratszelt an. Als kurz vor dem Eindunkeln eine Gruppe Männer mit Schaufeln und Pickel ausgerüstet das Lager erreichen, erkennen wir, dass es sich um einen Strassenunterhalts-Trupp handelt. Sofort werden wir von den Männern herzlich begrüsst und unsere Ausrüstung wird intensiv begutachtet. Wir bekommen heisses Wasser, damit wir unsere Instantnudeln anrühren können und verziehen uns bald darauf in unser Schlafgemach, denn die Temperaturen fallen schnell. Die dunklen Wolken, die gegen Abend am Himmel aufgezogen sind, verwandeln sich in der Nacht zu Regenwolken und da unser Zelt im Dach ein grosses Loch aufweist, sind wir in einer Nacht- und Nebelaktion gezwungen, zusätzlich unser eigenes Zelt aufzustellen. In Litang stossen wir auf den Sichuan-Tibet-Highway, welcher die östliche Hauptverbindungsachse nach Lhasa bildet. Die Strasse wurde zwischen 1950 und 1954 gebaut und gilt als eine der weltweit höchsten, rauhesten, gefährlichsten und schönsten Routen. Hier legen wir wieder einen Ruhetag ein und geniessen das lebhafte Treiben in der von Tibetern dominierten Stadt. Trotz tief verwurzeltem Brauchtum hielt auch hier der durch die Chinesen geprägte Fortschritt Einzug und ist unübersehbar. In traditionelle Kostüme gekleidet und kunstvoll die langen schwarzen Haare mit grobem Silberschmuck hochgesteckt, flitzen die Männer auf ihren Motorrädern dahin. Lange farbige Bändel an der Lenkstange und einen Teppich auf dem Sattel – motorisierte Cowboys! Bis nach Chengdu fahren wir nun durchgehend auf dem Sichuan-Tibet-Highway und bekommen dabei das stärkere Verkehrsaufkommen bald zu spüren. Besonders die alten LKWs, welche das tibetische Hochland mit Ware beliefern, kriechen oder donnern – je nachdem, obs rauf oder runter geht – an uns vorbei. Der Strassenzustand ist schlecht; ausgefahrene Spuren, Schlaglöcher und ein Flickwerk von Bitumen, welches in der Sonne so weichgeschmolzen ist, dass sogar wir mit unseren Rädern darin kleben bleiben und eine sichtbare Spur hinterlassen. Diese Misere erstaunt nicht, denn die chinesische Regierung ist nicht an einer guten Strassenverbindung nach Lhasa interessiert, pilgern doch die – vorwiegend einheimischen – Touristen mit der vor gut zwei Monaten eröffneten milliardenschweren und umstrittenen Bahn von Peking nach Lhasa. Oder sie steigen einfach ins Flugzeug. Für Peking ist Lhasa nur interessant, weil es sich, wie so vieles im Land, total oberflächlich vermarkten lässt... Zwei sehr hügelige Radeltage liegen bis nach Yajiang noch vor uns. Dauernd geht es rauf und runter über die sehr sanften und mit kurzem Gras bewachsenen Hügelzüge, welche in der Abendsonne hell leuchten. Mit dem stahlblauen Himmel und den vereinzelten schneeweissen Zuckerwatte-Wolken ergibt dies ein sehr malerisches Bild. Als wir etwas gereizt von den Strapazen die nächste Passhöhe (4'508m.ü.M.) mit den wehenden Gebetsfahnen erreichen, werden wir einmal mehr mit einem grandiosen Ausblick belohnt: Vor uns in der Ferne steht majestätisch die schneebedeckte Bergkette des Gongga Shan-Massivs! Der Anblick ist schlichtwegs überwältigend, kam dies für uns doch total überraschend und so sind auch sämtliche Wutanfälle schnell verflogen! Die Spitze des Gongga Shan, welcher mit 7'556m der höchste freistehende Gipfel Chinas ist, ist in einen Wolkenschleier verhüllt. Zum ersten Mal seitdem wir die Schweiz verlassen haben, sehen wir Schneeberge, obwohl wir uns seit fast einer Woche immer über 4'000m befinden. Die anfänglich rasante Abfahrt über gut 1'600 Höhenmeter wird zunehmend mühsamer, wurde die Strasse doch an etlichen Stellen vom tosenden Bergbach weggeschwemmt oder durch Erdrutsche zugeschüttet. So erreichen wir erst bei Dunkelheit das in einem schluchtartigen Tal gelegene Yajiang. Hier gibts nur ein Luxus-Hotel; und das ist ausgebucht. Eine Passantin führt uns zu einem einfachen privaten Guesthouse – wieder mal Glück gehabt! So wie es gestern tief ins Tal runterging, so steht uns heute ein entsprechender Aufstieg bevor. Bald müssen wir einsehen, dass unser Tagesziel heute nicht mehr erreichbar ist. Bei der letzten Gelegenheit vor der Passhöhe fragen wir bei einem staatlichen Gebäude zwei Männer nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Beim Staat ist nichts zu wollen; sie verweisen uns ans einzige Privathaus nebenan. Die Tibeterfamilie lädt uns sofort in ihr traditionelles Haus ein, wo Schweine und Menschen denselben Hauseingang benützen. Im Obergeschoss dürfen wir unsere Matten und Schlafsäcke auf dem Bretterboden ausbreiten. Es ist sehr düster im Raum; alles von der offenen Feuerstelle eingeräuchert. Die wenigen Lichtstrahlen, die durch die kleinen Fenster einfallen, werden vom Rauch und Strassenstaub gebrochen und erzeugen eine eigenartige Stimmung. Das dreijährige Töchterchen ist uns beim Einrichten gerne behilflich und findet bald Gefallen an unserem Ersatzpneu; ein interessantes Spielzeug! Bevor es eindunkelt, waschen wir uns an den Wasserstellen, welche direkt an der Strasse liegen und eigentlich dazu dienen, die überhitzten Motoren und Bremsen der LKWs abzukühlen. Wiederum ist die Verständigung sehr beschränkt, aber nicht minder herzlich und währenddem wir unsere Instantnudeln verzehren, ernährt sich die Familie von Fladenbrot und Tsampa. Bevor wir uns aufs Ohr legen, legt die Frau nochmals ein grosses Holzscheit auf – wir kommen uns vor wie in einer Räucherkammer. Diese Nacht schlafen wir kaum, werden wir doch durchgehend von den dröhnenden LKWs wachgehalten. Am Morgen verabschieden wir uns früh und nehmen den verbleibenden Aufstieg unter die Räder. Unterwegs begegnen wir zwei einheimischen Radfahrern, die auf dem Weg nach Lhasa sind. Der Jüngere der Beiden ist körperlich behindert: Er hat nur noch einen Unterarm. Wir sind stark beeindruckt von seiner Leistung, ist es doch sehr erschwerlich, unter diesen Umständen die steilen Berge hoch- und runterzuradeln. Alle Achtung! Zum letzten Mal gehts über eine trockene, nur von Gras bewachsene Hochebene und zum letzten Mal haben wir einen Pass von über 4'000m zu überwinden. Während 30km führt der Weg über eine teilweise holprige und staubige Schotterpiste. Auch der starke Gegenwind erleichtert uns den Aufstieg nicht. Im Bewusstsein, dass uns eine weitere Abfahrt von 1'600 Höhenmetern bevorsteht, kämpfen wir uns auf die Passhöhe. Noch bevor sich der Himmel verfinstert, bestaunen wir die schneebedeckten Gipfel um Kangding. Immer die dunklen Regenwolken im Nacken, flitzen wir die gute Teerstrasse hinunter. Kangding bildet die Grenze zwischen der tibetischen und der chinesischen Welt und dient seit Jahrhunderten als wichtige Handelsstadt zwischen diesen beiden Kulturen. Uns bietet der Ort alles, um einen erholsamen Ruhetag einzulegen. Zahlreiche Wasserkraftwerke, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, passieren wir, als wir die Talfahrt in Richtung Luding antreten. Hier wird einem der zunehmende Energiebedarf der Chinesen so richtig "schön" vor Augen geführt. In Tianquan sind wir gezwungen, einen weiteren Ruhetag einzuschalten, denn schon seit vier Tagen leidet Roland an Durchfall. Unser Vorrat an Imodium und Kohletabletten ist schon beträchtlich geschrumpft; und genützt hat alles nichts. Wir suchen ein Spital auf, denn private Arztpraxen gibt es im Land keine. Mit Dictionnaire bewaffnet, steuern wir auf die erste in weiss gekleidete Person zu und deuten auf das chinesische Schriftzeichen "Durchfall". Wir lösen bei den umstehenden Frauen ein kleines Gelächter aus – man stelle sich diese Situation einmal bei uns vor – und werden an eine andere Person verwiesen, wo wir erst mal ein Ticket mit einer Nummer beziehen; so wie bei uns bei den Poststellen. Es ist das Billett, das zu einer ärztlichen Untersuchung berechtigt. Einen Yuan (15 Rp.) bezahlen wir dafür. Wartezimmer gibts keine und so werden wir gebeten, direkt im einen Untersuchungszimmer zu warten, wo sich bereits andere Patienten eingefunden haben. Im Nu haben wir natürlich wieder ungewollt die ganze Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. Auch der Ärztin teilen wir mit dem Wörterbuch Rolands Problem mit, wobei gleich alle Umstehenden neugierig einen Blick in unser "Hilfsmittel" werfen – woran leidet die Langnase denn bloss?... Schnell kritzelt Frau Doktor ein paar Schriftzeichen aufs Papier und schickt uns zur spitalinternen Apotheke. Nachdem wir vorgängig bei der Buchhalterin die Rechnung von 3.50 Yuan beglichen haben, erhalten wir in der Apotheke die einzeln abgezählten Tabletten und nach längerem gegenseitigem Gestikulieren haben wir auch die Dosierung und Anwendungsbedingungen kapiert. Noch am selben Tag brechen wir nach Chengdu auf. Hinter uns liegt ein sehr abwechslungsreicher und faszinierender, wenn auch strapaziöser Reiseabschnitt. Wieder war es eine Tour durch die Berge, die in unseren Gedanken eine Vielzahl an schönen Erinnerungen hinterlässt. Am Freitag, dem 08. September, radeln wir in Chengdu ein. Nach so langer Zeit mit fast ausschliesslich "Natur pur" freuen wir uns wieder richtiggehend auf den Luxus, den eine Grossstadt bietet. "Lädele", Herumschlendern und das Kulturelle (Teehäuser, Tempel, Museen) müssen aber noch warten, denn zuerst will noch einiges Administratives, u.a. im Hinblick auf die gemeinsame Reise mit Urs, erledigt sein. Und in einem Land wie China, wo die Bürokratie gross und die Motivation und Qualifikation der Angestellten im Dienstleistungssektor gering ist, kann das Tage beanspruchen. Unsere Odyssee startet am Süd-Bahnhof, von wo aus man uns quer durch die ganze Stadt zum Nord-Bahnhof schickt, da einzig dort Tickets ausgestellt würden... Am Nord-Bahnhof stehen wir mit über 2'000 Chinesen (35 Schalter à 70 Kunden!) während einer Stunde Schlange – das ging erstaunlich schnell – nur um zu erfahren, dass Zugtickets frühestens 10 Tage vor der Reise gekauft werden können... Unser Reisetag Anfang Oktober liegt mitten in der "Nationalfeierwoche", also dann, wenn 1.3 Mia. Chinesen ebenfalls reisen. Und unsere auf "Organisation-ist-alles" getrimmten Schweizerhirne bestehen darauf, möglichst früh zu buchen! Der Chinese schüttelt bloss den Kopf und sagt: meiyou (= Nix da!). Beim Bus-Bahnhof West teilt man uns mit, dass Velos zu nördlich gelegenen Destinationen nicht transportiert würden; vom Bus-Bahnhof Ost aus ist Velotransport zu Destinationen ostwärts problemlos möglich... Im Stadtzentrum hetzen wir von privatem "Pseudo-Reisebüro" zu staatlichem "Pseudo-Reisebüro", von Airline A zu Airline B und nach sage und schreibe drei vollen Tagen "Administrations-Marathon" halten wir erschöpft je zwei Flugtickets, sowie einen Voucher für eine mehrtägige Yangtse-Schifffahrt in den Händen. Beim Japaner an der Ecke gehen wir gediegen essen und landen kurz darauf auf dem Schragen einer Masseuse, wo wir eine traditionelle chinesische Massage über uns ergehen lassen. Da wird nicht nur zünftig geknetet, da wird auch geschabt und geschröpft und am Ende sehen unsere Rücken aus, als hätten wir ein heftiges Dauer-Geknutsche hinter uns – alles schmerzt, und wir sind wie gerädert. Dagegen hilft nur eines: möglichst schnell wieder aufs Radel! Und so pedalen wir am 12. September bei herbstlich trostlosem Wetter los auf unseren Nord-Loop. Er wird uns in knapp 3 Wochen in den Norden der Provinz Sichuan zu zwei schönen in den Bergen gelegenen Nationalparks und wieder zurück nach Chengdu führen. Für diejenigen unter Euch, die unsere Reise etwas genauer im Atlas mitverfolgen, nachfolgend die einzelnen Etappen: Chengdu - Mianzhu - Beichuan - Nanba (da hatten wir Wanzen im Bett!!! – und lassen den Ort auf dem Rückweg aus) - Pingwu - Shuijing - Huang Long Nationalpark - Zhangla - Jiuzhaigou Nationalpark - Nanping - Baima - Pingwu - Nanba - Jiangyou - (per Zug nach) Chengdu. Es wäre geheuchelt, von der Strecke Chengdu - Beichuan zu behaupten, dass der Weg das Ziel sei. Die Gegend ist monoton, topfeben und nach Shifang verfinstert sich der ohnehin trübe Himmel zusehends. Es herrscht eine richtige Weltuntergangsstimmung. Das Atmen fällt schwer, die geröteten Augen brennen. Bald wissen wir auch weshalb: Unzählige Kamine stehen in der Landschaft. Manche qualmen "nur", bei anderen schiessen hohe Flammen aus dem Schlot. Berge von Steinkohle liegen entlang der Strasse aufgehäuft. Auf unserer Karte erkennen wir, dass Stichstrassen und Stichgeleise an den Fuss des Gebirges führen, wo der Rohstoff offensichtlich abgebaut wird. Auf den gut ausgebauten Betonstrassen herrscht ein hohes Verkehrsaufkommen an LKWs – alle massiv überladen mit Kohle, Steinen und Sand. Auch Ziegelbrennereien stehen in dieser Gegend – Industrie wie zu Mao's Zeiten. In einem Strassenrestaurant bestellen wir wie immer zwei Platten gebratenes Gemüse und Reis und – hoppla – erhalten zwei Teller Gemüsesuppe mit fettigem Schweinefleisch und Würstli... haben uns offenbar mal wieder nicht deutlich genug ausgedrückt! In Mianzhu braucht es mehrere Anläufe bis wir ein Hotel finden; hier werden wir auch zum ersten Mal seit wir in China sind abgewiesen, da das Hotel keine Erlaubnis hat, "Ausserirdische" und Überseechinesen zu beherbergen ("Aliens and Overseas-Chinese not permitted"). Ja, ja, wir und unsere Ufo's :-). 16°C, Nieselregen, schlechte Sicht und miserable Betonstrasse – der Abschnitt nach Beichuan ist noch schlimmer, als der vorherige Tag. Unterwegs geht Roland noch zur "Bank of China", um Traveler Cheques zu wechseln, denn die Eintritte in die beiden Nationalparks sind sehr hoch und Banken, die diese Dienstleistung erbringen, nur spärlich gesät. Es scheint, als ob die Bankangestellten zum ersten Mal einen solchen Schein sehen würden, denn sie müssen erst mal in die "Zentrale" – wahrscheinlich nach Peking :-) – telefonieren und sich erkundigen, was man denn in solch einem verzwickten Fall macht. Als auch noch ein EDV-Systemfehler auftritt, dauert es doch tatsächlich eine volle Stunde, bis Roland das Geld endlich in den Händen hält. Im ebenfalls sehr trostlosen Beichuan finden wir rasch ein schönes Hotel und als wir uns nach dem Essen auf einen ruhigen Abend einstellen wollen, hämmern doch um 22.30 Uhr tatsächlich noch vier Polizisten in Vollmontur an die Zimmertür. Kaum haben wir geöffnet, stehen die Staatsdiener auch schon mitten im Zimmer – hallo Privatsphäre! Sie blättern in den Pässen, wühlen nach den Visas, schreiben das Wenige ab, das sie entziffern können und ziehen wieder von dannen!?! An goldgelben Reisfeldern und bewaldeten Schiefer-Bergflanken entlang fahren wir talaufwärts. In den Dörfern werden vor jedem Haus Mais und Erdnüsse zum Trocknen ausgelegt. Das Wetter ist zwar nur wenig freundlicher, die Betonstrasse aber in gutem Zustand und der Verkehr hält sich in Grenzen. Bereits am frühen Nachmittag erreichen wir Pingwu, wo wir ein gepflegtes Hotelzimmer beziehen. Zum Mittagessen gibts an diesem Tag kein gebratenes Gemüse, sondern eine Art vegetarisches "Fondue chinoise". Eine sehr fettige aber gutgewürzte und äusserst leckere Alternative zu unserem Standardmenu. Am Abend landen wir einen neuen kulinarischen Rekord: Zusammen 65 Spiessli vertilgt!!! Sind halt einfach unwiderstehlich! Kurz nach Pingwu gehts weiter in nordwestlicher Richtung, in Richtung Huang Long Nationalpark (= Tal des Gelben Drachens). An den Hängen sehen wir viele Zugänge zu Minen, doch haben wir keine Ahnung, was hier abgebaut wird. Wir fahren durch sehr schöne traditionelle Dörfer, die alle von Han-Chinesen (der chinesischen Mehrheit) bewohnt werden. In mehreren Siedlungen entlang der Strasse wird Seidenraupenzucht betrieben. Säckeweise wird die kostbare Ware auf Handkarren zum Umschlagplatz gebracht und gewogen. Wir verweilen längere Zeit bei einer Gruppe von Frauen, die die Cocoons von dürren Grashalmen oder aus Kartonwaben herauslöst. In rechteckigen Holzrahmen mit Boden werden die Raupen gezüchtet. Wir wollen eines der Tiere näher betrachten und setzen es – dem besseren Kontrast wegen – auf den Velosattel. Sofort beginnt die Raupe mit dem Mund einen hauchdünnen Seidenfaden zu spinnen. Fasziniert schauen wir zu. Für ein Kilogramm Cocoons erhalten die Seidenbauer 22 Yuan, was ca. 3.70 sFr. entspricht. Zu Seide verarbeitet werden die Cocoons in Chengdu. Als Andenken kaufen wir uns 100gr Cocoons. Es war ein sehr schönes Erlebnis und eine tolle Begegnung, diesen Prozess 1:1 zu erleben und sich, wenn auch umständlich, mit den Leuten zu unterhalten. Am Tag an dem wir nach Huang Long fahren, regnet es ununterbrochen und dichter Nebel verhüllt die Bergspitzen. So sieht also typisch mieses Herbstwetter in China aus! Das Tal wird zunehmend enger, wir fahren nur noch bergwärts und beidseitig der Strasse ragen steile Felswände gegen den Himmel. Der Bach, dem wir folgen, ist mal ein tosendes und reissendes Gewässer, dann mäandriert er wieder ruhig durch flachere Gebiete. Die Vegetation ist üppig und saftig grün. Die engen Täler und Schluchten, die wir passieren, die bewachsenen "Felseninseli" und die immer häufiger auftretenden Nadelbäume bilden eine Kulisse, die so ganz typisch ist für China und bereits manchen Künstler inspiriert hat. Nach 67km und 1'800 Höhenmetern erreichen wir völlig durchnässt und halb verfroren Huang Long, welches auf 3'080m.ü.M. liegt. Vor lauter Anstrengung haben wir gar nicht bemerkt, dass wir an diesem Tag unsern 100'000. Höhenmeter hätten feiern können und realisieren dies erst, als wir zwei Wochen später die Touren-Auswertung machen. Jä nu, war auch ohne "Feiern" ein spezieller Tag. Das Timing könnte nicht besser sein – an unserem Wandertag erwartet uns prächtiges Wetter! Die Velos dürfen wir nicht in den Park nehmen, denn man "wandert" hier auf gut ausgebauten Holzstegen. Vor dem Eingang werden überdimensionierte Schlagrahmbläser verkauft – wir kaufen keine, wissen nicht, wozu man die benötigt. Kaum sind wir im Park, begegnen uns auch schon die ersten Einheimischen, die eine solche "Bombe" röchelnd vors Gesicht halten – es sind Not-Sauerstoffflaschen! He, nicht lachen, wir befinden uns hier immerhin auf über 3'000m.ü.M. und die Chinesen sind ja bekanntlich Kettenraucher :-)! Die meisten von ihnen wählen auch die "easy-Variante"; fahren mit der topmodernen Gondelbahn den Berg hoch und gehen dann zu Fuss runter. Wir entscheiden uns für die ebenfalls gemütliche 6-stündige Rundwanderung und kommen so in den Genuss eines Naturwunders, das seinesgleichen sucht. Im Laufe der Erdgeschichte sind, infolge des hohen Kohlendioxidgehalts im Gewässer, fantastische Kalksinterterrassen (Travertin) entstanden. In den unterschiedlichsten Farben, von kristallklar über weiss, türkisblau, grün bis hin zu gelb, leuchten die Pools in der Sonne. Die Terrassen liegen über eine Länge von gut 4km in einem Tal, eingebettet in einer herrlichen Landschaft von Nadelbäumen, Büschen und Laubbäumen. Als perfekte Kulisse erheben sich schroffe Bergspitzen und ein schneebedeckter Gipfel von 5'600m Höhe um den Nationalpark. Wasserfälle und Bachläufe vervollständigen die pittoreske Szenerie. Auch der etwas nördlicher gelegene Jiuzhaigou-Nationalpark, den wir drei Tage später besuchen, ist ein reines Naturspektakel. Hier ist das Ticket 2 Tage gültig und auch hier werden wir vom unglaublichen Touristenzustrom fast erschlagen. An Spitzentagen muss auch dieser Park weit über 10'000 Besucher schlucken! Das Gebiet ist sehr weitläufig, und so lassen wir uns mit einem modernen Ökobus mit der Masse erst mal die 1'000 Höhenmeter das Tal hochchauffieren. Der Nationalpark besteht aus einem einzigartigen Y-förmigen Tal, welches bekannt ist für seine spiegelnden Bergseen, die so klar und kräftig leuchten wie Edelsteine. Diese Seen, die in allen Farben erscheinen, sind durch idyllische Bäche verbunden, welche wiederum durch dichten moosbewachsenen Mischwald fliessen. Hier wachsen Koniferen, Föhren, Birken, Bambus, Azaleen, Rhododendren und bei einigen Bäumen hat bereits die herrliche Herbstfärbung eingesetzt. Der Park ist ebenfalls Lebensraum des Grossen und Kleinen Pandas, des Goldenen Äffchens, des Takins (elchartige Kuh), mehreren Wildkatzenarten, Füchsen und einer Vielzahl von Vögeln. Sobald wir von den Hauptsehenswürdigkeiten wegkommen, können wir die Ruhe der Natur geniessen und haben die sehr gut angelegten Holzplattformwege ganz für uns alleine. Die Chinesen bevorzugen es eben, sich mit dem Bus direkt vor den Wasserfall fahren zu lassen. Der Nationalpark liegt in tibetischem Gebiet, doch die wenigen Dörfer, die sich innerhalb des Parkareals befinden, sowie die vereinzelt platzierten Gebetsfahnen und wasserbetriebenen Gebetsmühlen dienen eher als Kulisse. Über Nanping und Baima gehts zurück nach Pingwu. Dort legen wir einen Ruhetag ein und entdecken durch reinen Zufall den Bao En Tempel. Diese noch original historische und gut erhaltene Anlage ist über 500 Jahre alt und stammt aus der Zeit der Ming Dynastie (1368-1644). Ein sehr lohnenswerter Besuch! Zwei Tage später erreichen wir Jiangyou, wo wir den schon lange fälligen Veloputz- und Kettenwechseltag einschalten und bei Regen am 01. Oktober – dem chinesischen Nationalfeiertag – unseren ganzen Haushalt in den Zug verladen, der uns in einer 2.5-stündigen Fahrt zurück nach Chengdu bringt. Fünf Tage werden wir hier verbringen. Dieses Mal können wir die Stadt sicher mehr geniessen – werden u.a. nun Tempel, Teehäuser und historische Gartenanlagen besuchen. Am 06.Oktober werden wir ins Flugzeug steigen, das uns nach Guilin bringt, wo wir tagsdarauf Urs treffen werden.
Der Chinese und die Ruhe:
Der Chinese und das Reisen:
Der Chinese und das Fotografieren: Tourenstatistik:
Sabine & Roland, 03.10.2006 |
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