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Safari-SalamaReisebericht 11 vom 17.07. - 18.08.2006Sapa - Kunming - Lijiang - Zhongdian |
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Heftiger Regen und dichter Nebel verhindern am 17.07.06 vorerst unsere geplante Weiterfahrt. Dabei freuen wir uns doch so sehr auf China! Auch tagsdarauf ist das Wetter nicht besser – aber uns hält nichts mehr zurück. Sabine stürzt sich in die Regenjacke, während Roland dem Regen trotzt. So ganz nach dem Motto: Die müssen gar nicht meinen... Trostlos ist es und schade, dass wir das "Schlussbouquet" unserer Nord-West-Tour – nämlich 1300Hm runter – nicht intensiver auskosten können. Nur hin und wieder erhaschen wir durch den Nebel einen Blick in die so prächtig gestaltete terrassierte Berglandschaft. Es regnet ununterbrochen und die Wirkung unserer Bremsen ist im Nu so stark eingeschränkt, dass wir stellenweise nur noch bremsen können, indem wir mit den Füssen auf der Fahrbahn schleifen. In Lao Cai, dem vietnamesischen Grenzort, gibts noch ein bescheidenes Mittagessen, bevor wir den Roten Fluss überqueren und in Richtung Zollabfertigungsgebäude steuern. Zügig verlassen wir Vietnam und auf chinesischer Seite haben wir sofort Privat-Betreuung. Alles klappt bestens, also aussen rum ums Zollgebäude, wo unsere Bikes inspiziert werden! Eine uniformierte Zollbeamtin nimmt sich unserer an. Wohin wir wollen, will sie wissen. Nach Kunming, antworten wir einfachheitshalber. Ob wir eine Chinakarte sowie Chinareiseführer dabei hätten, fragt sie weiter. Jawohl, haben wir – in solchen Situationen sind wir immer besonders kooperativ... Wir müssen beides zeigen. Die Karte ist i.O. – beim Lonely Planet-Reiseführer jedoch wird sie stutzig. Durch eine umstehende Passantin, die etwas englisch spricht, teilt sie uns mit, dass sie den Führer konfiszieren müsse, da darin Taiwan nicht aufgeführt und somit nicht als Teil Chinas ausgewiesen sei! Wo die Dame recht hat, hat sie recht – Taiwan ist tatsächlich nicht erwähnt...!?! Unser Führer sei "wrong and useless" (falsch und nutzlos). So, so! Wir glauben zuerst nicht richtig zu hören, doch der Beamtin ist es sehr ernst. Mensch, reicht es denn nicht, dass wir mit taiwanesischer Hinterradfelge einradeln!?! Wir diskutieren, wollen das Buch nicht aus den Händen geben und es kommt so weit, dass Roland der Frau aufs Büro folgt. Dort sitzt noch ein Uniformierter. Beide reden auf Roland ein, betonen, dass es seit diesem Jahr ein "neues Gesetz" gäbe, welches u.a. den Gebrauch des LP-Reiseführers verbiete. Roland bleibt pickelhart, meint, dass wir eben jenen Führer ohne Taiwan gekauft hätten, da wir nicht dorthin gingen und wir uns für die leichte Ausgabe entschieden hätten, da wir per Fahrrad unterwegs seien, bla bla bla. Tatsächlich sieht Roland in einem Regal andere konfiszierte Reiseliteratur und Bilder des Dalai Lama stehen; alle mit Namen und Nationalität des ehemaligen Besitzers versehen. Als Roland das Hin und Her zu bunt wird, nimmt er den Führer einfach wieder an sich und lässt die beiden Uniformierten in ihrem Büro sitzen. Hoffentlich haben wir nun nicht die Polizei am Hals! Bevor wir uns auf die Suche nach Bank und Hotel machen, besorgen wir noch eine Strassenkarte der Provinz Yunnan mit chinesischen Schriftzeichen – sie wird sich in den kommenden Wochen als unerlässliches Hilfsmittel erweisen...
Unsere ersten beiden China-Radeltage verlaufen bereits sehr abenteuerlich, weshalb wir diese ein bisschen ausführlicher schildern möchten: Die Strasse, auf der wir fahren, ist die einzige Verbindung von Kunming – der Hauptstadt der Provinz Yunnan – zur vietnamesischen Grenze und auf unserer Karte als gut ausgebaute Hauptstrasse vermerkt. Nach gut 30km trifft diese Definition aber nicht mehr zu: Die Fahrbahn verschlechtert sich markant, die ehemalige Asphaltdecke ist von Schutt und Schlamm zugeschüttet. Schnell stellen wir fest, dass über unseren Köpfen eine Autobahn gebaut wird. Ein Mordsprojekt! Gigantische Betonpfeiler mit Unterzügen stehen in Reih und Glied; das Tal hoch soweit das Auge reicht. An manchen Stellen existiert bereits die Fahrbahn. Von nun an wird das Vorwärtskommen beschwerlich, denn immer wieder müssen wir z.T. längere und bis knöcheltiefe und ausgefahrene Schlammabschnitte bewältigen. Die Arbeiter und ihre Familien hausen direkt bei den einzelnen Baustellenabschnitten in einfachen Bretterverschlägen. Die ganzen Erdmassen, die infolge der Bauarbeiten gelöst werden, rutschen das Bord runter und landen auf der bestehenden Fahrbahn. Da gibts weder Strassensperrung noch Umleitung und der gesamte Verkehr kämpft sich zwischen den Arbeitern und Baumaschinen durch die Baustelle. Als wir gerade mal wieder einen solchen Schlammabschnitt hinter uns haben, sehen wir vor uns einen anderen Radfahrer, der im Schatten eine Pause einlegt. Super, wir haben wieder einmal Begleitung! Es ist Haorong aus Guangzhou (Canton), der während 2-3 Monaten durch Yunnan pedalt. Er spricht ein wenig englisch, worüber wir natürlich sehr froh sind, denn unsere spärlichen Chinesisch-Kenntnisse lassen wirklich noch keine Konversation zu. Haorong will an diesem Tag noch bis nach Mengzi kommen – eine Strecke für die wir drei Tage eingeplant haben! Ja, wir haben einen erfahrenen China-Biker angetroffen, denn er erzählt uns, dass er letztes Jahr in zwei Monaten von Guangzhou nach Lhasa gefahren sei und dabei 5'000km zurückgelegt habe. Hut ab! Er hat ein gutes Bike und viel weniger Gepäck als wir und so quälen wir uns fortan als Trio durch die Gegend. Das Vorwärtskommen ist äusserst mühsam und Sabine entscheidet sich an manchen Stellen zu schieben. Sogar einen kleinen Schlamm-Pass müssen wir bewältigen. Gnadenlos wird hier gebaut: Ganze Berge werden versetzt und gewaltige Erdmassen verschoben. Auf der anderen Flussseite sehen wir steile Hänge mit Ananasplantagen. Noch ist es zu früh, denn die Früchte sind noch nicht gediehen. Ist uns auch ziemlich egal, denn wir haben zur Zeit andere "Sorgen". Kurz nachdem wir uns über den Pass gekämpft haben – wieder 46°C, ohne Schatten und Wind – erreichen wir eine Strassensperre. Auch das noch! Vor uns versperren riesige Steinbrocken die Schlammpiste – und das so kurz vor unserem Ziel, dem Kreuzungsort am Roten Fluss, der in unserer chinesischen Karte als "Lianhuatan" bezeichnet ist. Auf der deutschen Karte ist der Ort nicht vermerkt, aber wir wissen, dass es dort eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Ein Bagger stösst diese Brocken einfach das steile Bord runter. Nach 20 Min. kommt der Pneulader und innert Windeseile ist eine Passage wieder möglich. Von beiden Seiten drängen die Fahrzeuge vorwärts – von Koordination keine Spur! Kurz darauf erreichen wir einen grösseren Ort, kaufen Früchte auf dem Markt und setzen die Fahrt fort ins 10km entfernte Lianhuatan. Wieder Schlamm; an einer Stelle finden nebst "Steinbrocken-Weitwurf" auch noch Sprengungen statt, doch wird hier nicht einmal mehr abgesperrt: Genosse "Fung King" funkt einfach an die Genossen "Ping Pong" und "Zuen Dung", dass diese mal kurz ihre Arbeiten einstellen sollen, infolge Transit dreier Radfahrer! Und da will Roland noch fötelen...!!! Lianhuatan ist ein kleines Kaff mit einem Truck-Stop – einer der spartanischsten Unterkünfte auf unserer Reise... Ja, in China müssen wir uns betreffend Unterkunft wohl auf etwas gefasst machen! Kleiner Raum, schmales Doppelbett, Gemeinschafts-Klo-Rinne, die auch gleich als Dusche dient. Na dann: Happy Shampoo! Wir sind natürlich die Attraktion im Ort und Haorong muss wohl oder übel auch hier übernachten. Er ist ein unglaublich herzlicher und grosszügiger Mensch – hat uns gleich bei unserem Treffen vier saftigsüsse Pfirsiche geschenkt – und ab sofort fühlt er sich für uns und unser Wohlergehen verantwortlich. Nachtessen gibts gegenüber: Wir können vom reichhaltigen Gemüseregal auswählen was uns gluschtet und der Koch zaubert daraus die köstlichsten Gerichte. Bevor wir tagsdarauf starten, erkundigen wir uns nach der Abzweigung, denn nun sollten wir das Tal des Roten Flusses verlassen und die Reise in nordöstlicher Richtung fortsetzen. Bald steht fest: Sowohl Haorongs Strassenatlas, als auch unsere chinesische Karte sind falsch – der Kreuzungsort liegt 10km zurück. Wir haben keine Wahl und müssen den letzten schlammigen Abschnitt nochmals unter die Räder nehmen; wieder vorbei an "Fung King" und Co! Am Kreuzungsort, dessen Name wir bis heute nicht kennen, decken wir uns ein mit Wasser, Ice-Tea und Brötchen vom Bäckerwagen, denn ein 31km langer Anstieg steht uns bevor. Ein ganz kurzes Stück noch ist die Strasse asphaltiert und geht dann über in eine schlammig-sandige Naturstrasse mit grossen Holpersteinen. Die Steigung ist angenehm, doch der schlechte Untergrund beeinträchtigt unser Tempo stark. Immer wieder müssen wir anhalten und Sabines Rad vom Schlamm befreien, der zwischen Pneu und Schutzblech klebt und dabei das Rad blockiert. Auch die Kassette lottert; also demontieren, reinigen, wieder zusammensetzen und ölen. Es ist heiss, aber die Landschaft wiederum fantastisch. Öfters legen wir Aussichtsstops ein, um die unter uns liegenden terrassierten Reisfelder und die wunderbare Bergkulisse mit Föhrenwald zu betrachten. Ja, wir werden für unsere Strapazen belohnt! Nach gut 40km rollen wir in Dishueceng (1'106m.ü.M.) – dem Kreuzungsort vor Pingbian – ein. Ein letzter kleiner Anstieg, Gang schalten – päng und Stillstand! Sabines Kette ist gerissen und – noch schlimmer – hat dabei gleich den Wechsel mitgerissen und ins Rad gezogen, sodass auch noch eine Speiche geplatzt ist! Das Fahrrad lässt sich nicht mehr schieben und beim Kettenglieder ersetzen stellt Roland fest, dass die Öse am Rahmen, an der der Wechsel angeschraubt wird, bei der Panne nach innen gebogen wurde. Das gibt eine grössere Reparaturangelegenheit! Zudem hat das Hinterrad jetzt ein ziemliches 8 – wegen des Speichenbruchs. Wir wollten ja ohnehin hier einen Ruhetag einschalten, aber mit Ruhen wird wohl dieses Mal nicht viel. Haorong erklärt sich sofort bereit, morgen auch noch hier zu bleiben und uns beim Reparieren zu helfen. Es gibt in diesem Ort keine Werkstatt, wo man Stahl erhitzen und die Öse zurechtbiegen könnte, und so machen Roland und Haorong am nächsten Tag einen Ausflug nach Pingbian. Wir sind zur Zeit sehr froh um unseren chinesischen Kollegen! Wir beziehen ein bescheidenes 3-er Zimmer: Bett nicht frisch bezogen, WC zwei Treppen runter, über den Hof und dann im Bretterverschlag – ein Plumpsklo der ganz üblen Sorte – und der Schweinestall unmittelbar daneben! Dusche analog; offenes Plumpsklo mit Schlauch darüber: Igittigitt! Nach aufwändiger Aktion schaffen es Roland und Haorong, Sabines Fahrrad soweit zu reparieren, dass es wieder fahrtüchtig ist. In Kunming werden wir dann noch professionelles Werkzeug und Know How auftreiben müssen. Mengzi, Kaiyuan, Mile und Lunan sind die weiteren Etappen, bevor wir am 27.07.06 in Kunming einfahren. Die Landschaft entlang dieser Route ist abwechslungsreich und vor allem vor Mengzi sehr schön. Das Tal ist über und über mit Pfirsich- und Granatapfelbäumen bepflanzt. Es ist Erntezeit und so sind die Bäume noch voller saftiger Früchte, welche immer wieder am Strassenrand angeboten werden. Auch Tomaten und Auberginen gedeihen hier. Verschwunden sind die Bananenbäume; auf dieser Höhe wachsen wieder Eucalyptus und Bougainvilleas. Wir kommen uns vor wie am Mittelmeer! Von Tag zu Tag nimmt der Verkehr zu und die hügelige Landschaft wird trockener und monotoner. Der starke Schwerverkehr und die heftigen Abgase, welche uns direkt ins Gesicht geblasen werden, sind sehr belastend und abends sind wir jeweils russgeschwärzt :-(. Wir radeln an riesigen Fabrikarealen vorbei, wo hohe Schornsteine in den Himmel ragen und dichten schwarzen Rauch ausstossen; in dieser Gegend werden Steinkohle abgebaut und Ziegelsteine gebrannt. Maisfelder, soweit das Auge reicht; am Strassenrand wird eine Vielfalt von unterschiedlichsten Pilzen zum Kauf angeboten und vor Mile erstrecken sich Weinreben in die endlose Weite. Endlich wieder einmal Trauben – auch wir legen sofort einen Stop ein! Im Nu sind wir von gegen 20 Händlern umringt, die uns die leckeren Früchte gleich schachtelweise verkaufen wollen. Nur mit grösster Mühe können wir ihnen beibringen, dass uns 1kg genügt. Zwischen Mile und Lunan können wir wieder auf- und tief einatmen: Der Verkehr nimmt massiv ab und das Radfahren wird wieder zum Genuss. Zypressen, Eucalyptus, Lantanen und Mimosenbäume dominieren hier. Unzählige Schmetterlinge begleiten uns und wir legen öfters einen Halt ein, damit wir die Prachtsexemplare genauer betrachten und fotografieren können. Wir erreichen einen Pass von 1'950m.ü.M. Kalksteinfelsbrocken liegen vereinzelt in der Gegend herum und zusammen mit den Föhren erzeugt dies ein Bild, das ebensogut in den Alpen sein könnte. Auf der anderen Seite des Passes ist die Landschaft wie verwandelt: Die Felsbrocken sind mächtiger geworden und so stehen unzählige "Steinpilze" zwischen Tabak- und Maisfeldern in der weiten Landschaft. In Lunan legen wir einen Ruhetag ein. Am Morgen schlendern wir über den lebhaften Markt: In der "Coiffeurabteilung" werden dem Kunden die Haare vor dem Laden gewaschen. Ein Lavabo steht bereit, darüber ein Kübel Wasser mit Schlauch und Hahn. Beim Metzger gleich daneben ist's weniger einladend: Der Längsschnitt einer Riesensau liegt aufgeklappt auf dem Ladentisch, die Rippen der ehemaligen Kuh schauen in alle Richtungen und der Kuhschwanz ist noch mit Fell umwickelt, während die Beckenknochen blank liegen. Hier gibts auch Hund und nackte Hühnerbeine tanzen Ballett... Wir decken uns ein mit Früchten, die allesamt schön in grossen Körben präsentiert werden. Am Nachmittag ziehts uns hinaus in die Natur, denn wir wollen den "Steinwald von Naigu" besuchen – die weniger touristische Version des "Shilin Steinwaldes". Nebst vier Einheimischen sind wir die einzigen Besucher der mehreren Hektare grossen Anlage. Der schmale und gut ausgebaute Weg schlängelt sich durch die engstehenden und bis zu 20m hohen Felstürme. Ja, man befindet sich wirklich in einem Steinwald! Wir geniessen die Aussicht auf die über und über mit Steinsäulen gespickte Landschaft und wähnen uns in einer anderen Welt. Bei angenehmen 23°C nehmen wir die letzte Etappe in Richtung Kunming unter die Räder. Auf dem Weg begegnen uns zwei ältere Radlerpaare aus Peking. Sie sind während drei Monaten mit ihren mit Säcken vollbeladenen Rädern von Peking nach Kunming unterwegs. Natürlich gibts sofort das bei Chinesen obligate Foto-Shooting! Bei Yiliang hängen reihenweise ganze Enten entlang der Hauptstrasse – wie Wäschestücke an der Leine. Grillierte Ente scheint hier eine Spezialität zu sein und obwohl es erst 11.00 Uhr ist, steuern wir ein solches Enten-Restaurant an. Wir bestellen "ein bisschen" Ente, Gemüse, Nudeln und Reis und nur wenige Minuten spater landet eine ganze goldbraun gebratene und vor Fett glänzende Ente auf unserem Tisch – vom Schnabel bis zum Schwanz: alles dran, und das Tier in mundgerechte Stücke zerhackt. Viel Fleisch ist leider nicht dran – es wird wohl unsere letzte Ente gewesen sein... Mit je einem halben Erpel im Magen setzen wir beflügelt unsere Fahrt fort; doch der nächste Passanstieg lässt nicht lange auf sich warten. Auf der Passhöhe wird Milchwirtschaft betrieben und so neutralisieren wir unsere "Entenmägen" umgehend mit je 6 Joghurts! Die letzten 8km vor Kunming legen wir im Vollkaracho auf der Autobahn zurück. Es ist 19.00, als wir die Provinzhauptstadt Yunnans erreichen. Während geschlagenen vier Stunden suchen wir eine Unterkunft, wobei wir, wie immer, dem Kriterium "mit Privatbad" höchste Priorität einräumen. In einem schicken **-Hotel direkt am belebten Green Lake und in unmittelbarer Zentrumsnähe quartieren wir uns für die nächsten sechs Nächte ein. Einen ganzen Tag verbringen wir im "Fat Tires Bike-Shop", einem kleinen aber sehr gut ausgerüsteten Veloladen. Mit dem Wörterbuch und unserer mittlerweilen bereits sehr ausgefeilten Pantomimik verständigen wir uns. Neues Kettenöl kaufen wir; für Roland gibts einen neuen Pneu und für Sabine neue Bremsklötze und eine neue Hohlkammerfelge. Bald versammeln sich im und vor dem Shop noch andere angefressene Biker und es stellt sich heraus, dass es alles Mitglieder des Bikeclubs sind, die tagsdarauf – wie jeden Samstag – gemeinsam auf eine Tour starten werden und nun noch ihre Räder auf Vordermann bringen. Eine richtige Bikerszene! Es sind totale Freaks und uns vor allem beim Zurechtbiegen von Sabines Hinterradöse und beim Justieren des Wechsels eine grosse Hilfe. Auch will das Rad neu eingespeicht und zentriert sein und die Ketten und Kassetten werden mal wieder richtig gereinigt. Kunming (1'890m.ü.M.) gefällt uns sehr, strahlt es doch eine richtig entspannende Atmosphäre aus. Bei frühlingshaften Temperaturen schlendern wir durch die mit modernsten Shoppingcentren gesäumte Fussgängerzone, lassen uns an Strassengrillständen und in Bäckereien kulinarisch verwöhnen und geniessen es, am Green Lake zu sitzen und den Einheimischen bei Tai Chi, beim Spielen oder Pedalofahren zuzusehen. Teestuben sind hier alle paar Meter vorzufinden und auch wir degustieren den einen oder anderen Aufguss. Im Laufe der Zeit hat sich das Teetrinken zu einer regelrechten Zeremonie und Teekultur entwickelt, welche auch heute noch intensiv gelebt wird. Via Tuguancun, Chuxiong, Nanhua und Xiangyun – wir überqueren dabei vier Pässe und passieren wiederum mehrere staubige Baustellenabschnitte – erreichen wir am 06.08.06 Old Dali (2'044m.ü.M.). Die ehemalige Hauptstadt der Bai-Minorität liegt am südwestlichen Ende des Er-Sees (= "ohrenförmiger See") und ist ziemlich enttäuschend. Ein grosser Teil der "Altstadt" wurde neu errichtet und die wenigen originalen Altstadthäuser derart verschandelt, dass von der ehemaligen Substanz nicht mehr viel zu erkennen ist. Ach, Homo Sino Non-Sapiens, wie wütest Du bloss drauflos! Alle Erdgeschosse ausgehöhlt, die Wände mit billigen Fliesen und Spiegeln ausgekleidet; Souvenirshop an Souvenirshop. Chinesischer Massentourismus herrscht hier vor. Mehr als einen Tag halten wir es nicht aus und ziehen weiter. Wir folgen der Strasse Nr 214, welche entlang des westlichen Seeufers nordwärts führt. Bereits nach 54km erreichen wir einen trostlosen Ort, wo längs der Strasse Badekleider und Schwimmringe verkauft werden – und das auf 2'000m.ü.M.! Bald finden wir heraus, dass es hier Thermalquellen gibt (= "Hot-Plan-Tsching") und so machen wir uns auf die Suche nach einem Hotel mit ansprechendem Pool. Tenuewechsel und ab zur "Kur"! Ja, das wäre was für jeden Abend! Über Jianchuan und einen Pass von 2'850m.ü.M. fahren wir nach Lijiang (2'370m.ü.M.). Dieser Abschnitt ist äusserst reizvoll. Bei Baihanchang verlassen wir die Nr 214 und nehmen die Bergfahrt in Angriff. Die holprige Asphaltstrasse führt steil und kurvenreich den Berg hoch und so bezwingen wir Höhenmeter um Höhenmeter. Dank der neuen Schnellstrasse, die von Shaping nach Lijiang führt, haben wir die Strasse praktisch für uns alleine. Das Wetter zeigt sich von der besten Seite und wir geniessen die Fahrt durch den Föhrenwald. Bergblumen zieren den Strassenrand und Edelweiss wächst hier in rauhen Mengen. Wir kommen an einzelnen Zelten vorbei; es sind die Behausungen der Imker, die hier mit ihren Bienenvölkern köstlichen Honig produzieren... Schon wieder 1kg mehr zum Mitschleppen :-)... Auf der Passhöhe eröffnet sich uns ein Bild, wie es prächtiger kein Maler malen könnte: blühende Sonnenblumen, Rapsfelder, Kartoffelfelder in violett und weiss, Stangenbohnen in voller Blust, felderweise Feuerlilien (kann man die essen?) und Maisfelder – ein Feuerwerk von Farben! Obwohl ebenfalls unglaublich touristisch, gefällt uns Lijiang sehr. Es war die Hauptstadt des ehemaligen Naxi-Königreichs – einer Volksgruppe mit tibetischen Wurzeln. Wo sich Horden von chinesischen Touristen – alle mit Einheits-Sonnenkäppi oder Sonnenschirm und der Guide mit Fähnchen und Megaphon bewaffnet – tummeln können, da finden auch wir zwei noch Platz und so treiben wir mit dem Strom durch die gepflasterten und eng verwinkelten Strassen. Schmale, mit Stein- und Holzbrücken überspannte Kanäle begleiten die Gassen und bilden die Rückseite der Häuserzeilen. Um wieder an die Strasse 214 zu gelangen, wählen wir die nördliche Zufahrtsstrasse. Bevor wir die rasante 600Hm-Abfahrt unter die Räder nehmen, geniessen wir den Ausblick auf den Yangtse, der an dieser Stelle soeben seine erste Richtungsänderung hinter sich hat und daher in nördlicher Richtung fliesst. Der Fluss befindet sich auf 1'800m.ü.M. und so rollen wir auf bester leicht abfallender Strasse bis nach Qiao Tou. Tagsdarauf starten wir von hier aus auf eine Zweitages-Wanderung durch die Tigersprung-Schlucht (Tiger Leaping Gorge). Der Yangtse hat sich an dieser Stelle in nordöstlicher Richtung durch die Berge gefressen und dabei eine tiefe Schlucht gebildet, welche von mächtigen Felswänden flankiert wird. Unser Weg führt entlang der nördlichen Flussseite und ist gut ausgebaut. Anfänglich steigt er steil und serpentinenartig die Bergflanke hoch, bis wir den höchsten Punkt auf 2'660m.ü.M. erreichen. Obwohl der Himmel bedeckt ist, und wir daher keine gute Fernsicht haben, ist das Wetter auf unserer Seite. Uns gegenüber steht der Jade Dragon Snow Mountain (Jade Drachen Schneeberg; derzeit ohne Schnee) – mit imposanten 5'596m.ü.M. die höchste Erhebung in dieser Gegend. Leider sind auch seine Bergspitzen mit einem Wolkenschleier umhüllt. An entlegenen Dörfern kommen wir vorbei; das Maultier ist hier Haupttransportmittel. Wir wandern durch einen eigenartigen Vegetationsmix: Föhren, Bambus, Eucalyptus, unzählige Sträucher, eine Vielzahl von Bergblumen, sowie Rhododendren und Wildrosen. Wie herrlich muss die Gegend wohl erst im Frühling aussehen, wenn alles prächtig blüht? Innert zwei Tagen fahren wir von Xiaozhongdian nach Zhongdian. Xiaozhongdian liegt auf einer Hochebene von 3'100m.ü.M. und wir befinden uns am Rand des Gebiets, das Teil des tibetischen Hochlands ist. Bis 1959 gehörte die Gegend NW-Yunnans und W-Sichuans zu Tibet. Der Menschenschlag, der uns hier begegnet, ist ein anderer, als im Tiefland: braungebrannte und von der Sonne gegerbte Gesichter, die Männer meist langhaarig, die Frauen in dunklen Röcken. Hier werden wir nicht mehr mit "Ni hao", sondern mit dem wohlklingenden "Tashi dele" freudig begrüsst. Auch die Architektur unterscheidet sich und die geweisselten Steinhäuser mit den grossen flachgeneigten Dächern und kleinen Fenstern erinnern uns an jurassische Bauernhäuser. Einige Häuser haben bloss die Wände der Schmalseite in Massivbauweise, während der dazwischenliegende Hausteil aus Holz gebaut wird. Es sind grosse Häuser und die Fenster- und Türleibungen sind aufwändig und farbenfroh verziert und ähneln im entfernteren Sinne Unterengadiner Fassadenöffnungen. Wir kommen an den ersten Chörten vorbei – tibetischen Stupas – die, mit Girlanden von Gebetsfahnen geschmückt, majestätisch in der weiten Landschaft stehen. Hafer und Weizen wird auf dieser Höhe angepflanzt und auf den scheinbar endlosen Weiden grasen nebst Pferden auch langhaarige Kühe. Wir nähern uns eindeutig Yak-Territorium! Zhongdian wird für längere Zeit die letzte grössere Stadt sein. Sie bietet eine bescheidene touristische Infrastruktur, die jedoch – wie bisher überall in China – nicht auf den Individualtourismus ausgelegt ist. Chinesen sind eben Herdentiere und wenn da zwei Einzelgänger an irgendeinem Desk erscheinen und ganz grundlegende Infos – wie bspw. zum Strassenzustand – erfragen, so grinst einem das soeben aus dem Schlaf gerissene Gegenüber einfach nur hilflos und verlegen an. Macht nichts; wir kratzen uns via Internet Angaben von anderen Velofahrern zusammen. Dies sind ohnehin die zuverlässigsten Quellen. Alex und Gabi, nochmals ganz herzlichen Dank für Eure wertvolle und speditive Dolmetscherarbeit! An unserem Zhongdian-Ruhetag radeln wir zum 5km entfernten und in den Hügeln gelegenen Songzanlin Kloster. Mit 600 Mönchen ist es das grösste buddhistische Kloster SW-Chinas. Es handelt sich dabei um eine 300-jährige Anlage, die jedoch in den letzten Jahren grösstenteils neu errichtet wurde. Von 1966 bis 1976 wütete in China die Kulturrevolution; während dieser Zeit wurden praktisch sämtliche kulturellen Güter und Einrichtungen zerstört oder vernichtet... und nun ist Peking auf der Suche nach "Geschichte" und klotzt für Millionen "historische Anlagen" in die Gegend... Aus der Ferne ist der Klosterkomplex am eindrücklichsten, thront der mehrteilige Sakralbau doch hoch über einer Ansammlung von Adobe-Flachdachhäusern (Mönchszellen?) auf einem Hügel. Die goldenen Giebel erstrahlen schon von Weitem in hellem Glanz und die festungsartige Ummauerung ist aus ockerfarbenem Lehm gebaut; der Mauerabschluss edel dunkelrot gestrichen. Auch die Gewänder der Mönche sind in dezentem Dunkelrot gehalten; ganz im Gegensatz zu den kräftig orange leuchtenden Umhängen in Thailand und Laos. Im Innern sind die verschiedenen Tempel üppig mit Wandmalereien in grellen Farben verziert. Mit Yakfett gefüllte Öllämpchen sorgen für schummrige Beleuchtung; eingefärbtes und zu "Knetbildern" geformtes Yakfett dient als Opfergabe. Es "duftet" ranzig... Am 19.08.06 starten wir von Zhongdian aus auf unseren knapp 3-wöchigen Abstecher durchs tibetische Hochland in der Region W-Sichuans. Chengdu – die Hauptstadt der Provinz Sichuan – wird unser Ziel sein. Doch davon im nächsten Bericht. Viel unvergesslich Schönes haben wir erlebt und eine Menge Eindrücke wieder fotographisch festgehalten, sodass wir uns entschieden haben, Euch unsere Erlebnisse tranchenweise und wohldosiert zu präsentieren. Bevor wir diesen Reisebericht aber abschliessen, möchten wir auf einige Stichworte noch etwas näher eingehen: Sowohl auf dem Land als auch in den Städten wurden wir von der Bevölkerung bisher ausgesprochen herzlich empfangen und wir fühlen uns hier sehr willkommen. Wir haben die Menschen soweit als ehrlich, unaufdringlich, freundlich und äusserst hilfsbereit kennengelernt. In keinem andern Land, das wir bisher bereist haben, schienen uns die Menschen so grosszügig. So wurden wir schon spontan zum Mittagessen in ein Restaurant eingeladen oder der Pfirsichbauer hat uns noch ein halbes Kilo "obendrauf geschenkt". Dies nur um einige Beispiele zu nennen. Auch sind die Chinesen äusserst gesprächig: Legen wir am Strassenrand eine Verschnaufpause ein, so unterbrechen die Leute rasch ihre Arbeit, um zu uns zu eilen. Wir grüssen sie – viel mehr liegt unsererseits leider nicht drin – und im Nu werden wir von einem freudigen Wortschwall überschwemmt. Wenn das Gegenüber dann realisiert, dass wir nicht alles verstehen, so verlangt die Person umgehend nach Stift und Papier, um uns – in chinesischen Schriftzeichen, notabene – die Mitteilung zu unterbreiten... Leider mit noch viel weniger Erfolg :-)! Die bei Jung und Alt verbreitete Angewohnheit des Chödern und Spuckens ist äusserst unangenehm und abstossend, zumal der "Output" an jedem x-beliebigen Ort landet: auf dem Boden im Restaurant, im Gesteck mit den Stoffblumen in der Hotellobby oder ganz einfach auf dem Teppichboden im Hotel. In den Restaurants, wie auch sonst überall, landen sämtliche Speise- und Verpackungsabfälle auf dem Boden. Die Chinesen rauchen wie Kamine: machen sie doch 20% der Welt-Gesamtbevölkerung aus, so verpaffen sie dabei 30% der weltweit produzierten Zigaretten! Vermutlich folgen kurz darauf die Griechen... Auf die Scheissgeschichten mit den öffentlichen Kommunal-Latrinen möchten wir nicht näher eingehen – die Hygiene im Land ist vielerorts übler als im rückständigen Myanmar... Trotz sprachlicher Schwierigkeiten klappt die Verständigung erstaunlich gut. Nebst unseren Provinzkarten in chinesischer Schrift, sind uns auch unser kleiner Dictionnaire und natürlich das "Bilderbuch mit 500 Zeigebildern" von grossem Nutzen. Das Schriftzeichen für "binguan" (Hotel) haben wir uns in wohlweislicher Voraussicht bereits sehr früh eingeprägt. Kommen wir an eine Strassenverzweigung, so dauert es meist etwas länger, bis wir die Zeichen auf dem Schild mit jenen der Karte verglichen haben: Wir spielen "Suche 10 Unterschiede" :-). Natürlich sind auch Missverständnisse an der Tagesordnung und so standen einmal plötzlich zwei Riesenschüsseln mit Suppe vor uns auf dem Tisch, obwohl wir eigentlich eine Suppe und gebratenes Gemüse bestellt hatten. Das sorgt bei allen Beteiligten dann natürlich für Gelächter. Essen tun wir hier wie die Fürsten, wobei dafür entweder ein Restaurantbesuch ansteht oder wir uns an Strassengrillständen verpflegen. Im Restaurant werden wir immer in die düstere und fettverschmierte Küche eingelassen, wo wir vom – mit marktfrischem Gemüse – gefüllten Regal unsere Mahlzeit zusammenstellen dürfen. Tomaten, Auberginen, Broccoli, Pilze, Kartoffeln, Nüsse,... wie im Schlaraffenland. An den Strassengrillständen werden unterschiedlichste "Spiessli" zum Kauf präsentiert: Zucchetti, Pilze, Auberginen, Kartoffeln, Tofu, Fischkugeln, Poulet, Rind. Es sind kleine "Spiessli" und pro Mahlzeit verzehren wir zusammen locker 20-30 solcher scharfgewürzter Häppchen. Obwohl wir immer hervorragend essen, spielt unsere Verdauung seit wir in China sind mehr verrückt als normal; aber auch das sind Scheissgeschichten... Ausser Kunming verdienen die von uns bisher besuchten Städte keiner besonderen Erwähnung. Hier wird keine Stadtplanung betrieben – hier wird geklotzt und gekitscht. Alle Städte sehen sich ähnlich: betonierte Strassen, mit Fliesen verkleidete Fassaden, blaugetönte Fensterscheiben, gigantische Beleuchtungskandelaber alle paar Meter. Satelliten-Städte spriessen wie Pilze aus dem Boden – trostlose Retortenquartiere, die mit überdimensionierten Zufahrtsstrassen an die nächst grössere Stadt angebunden werden. Kulturell haben die Städte nicht viel zu bieten und so haben wir uns in diesen Ballungszentren nie länger aufgehalten als nötig. Tourenstatistik:
Sabine & Roland, 18.08.2006 |
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