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Safari-SalamaReisebericht 10 vom 22.05. - 17.07.2006Chau Doc - Ho Chi Minh City - Hanoi - Sapa |
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Kaum haben wir den Grenzübertritt hinter uns, haben wir das Gefühl, dass wir uns in einem gewaltigen Ameisenhaufen bewegen: Um uns herum wimmelt es nur so von Rollerfahrern, die sich alle lautstark ihren Weg freihupen. Ja, wer kann, verwirklicht sich hier seinen "Honda-Dream"! In diesem nervösen Getümmel lassen wir uns durch die dammartig angelegte Strasse treiben. Die Strassen im Mekongdelta sind beidseitig durchgehend mit einer Reihe Häuser bebaut, die allesamt auf Pfählen stehen; dahinter erstrecken sich die saftig grünen Reisfelder in die endlose Weite. Auch viele einheimische Velofahrer sind unterwegs: allen voran die in den landestypischen eleganten Zweiteilern – den Ao Dai – gekleideten Schülerinnen. In der langen Hose und dem langärmligen knöchellangen Oberteil aus leichtem strahlend weissem Stoff, radeln die jungen Frauen in aufrechter Haltung durch die Gegend. Chau Doc, unser erster Übernachtungsort, liegt am Bassac-Fluss, dem südlichen der beiden Mekong-Hauptarme. Hier tauschen wir für einen halben Tag unsere Fahrräder gegen eine motorisierte Nussschale ein und erkunden auf dem Wasserweg das Leben am Fluss. In den schwimmenden Dörfern befinden sich die Fischzuchten direkt im Wohnzimmer: Der Fussboden offen, ringsum ein Steg, im Wasser die Zucht, an der Wand der TV und der Haustempel. In den seichten Kanälen staken die Männer durchs Wasser; am Rücken eine Autobatterie, in den Händen zwei Elektroschockgeräte – Fischfang auf die verbotene Art. Die Häuser entlang der netzartig angelegten und malerisch mit Bambus gesäumten Kanäle stehen auf einem Wald von dünnen Beton- und Bambuspfeilern. 6m über dem Wasser wird gewohnt. Die Abfälle landen in hohem Bogen im Kanal. Von Chau Doc folgen wir dem Bassac via Long Xuyen nach Can Tho, der Hauptstadt des Deltas. Die Gegend ist zwar topfeben, aber da wir täglich unzählige Brücken passieren müssen, summieren sich auch die Höhenmeter. Wir möchten die Storchenkolonie besuchen, die in unserem Reiseführer beschrieben ist. Leider sind in Vietnam fast ausnahmslos alle Schilder auf vietnamesisch angeschrieben – auch lateinisches Alphabet wie bei uns, nur mit noch viel mehr Schlenkern und Haken als im Französisch – sodass wir bald wieder pantomimen müssen. Bei jeder Weggabelung halten wir an und Roland beginnt wie wild mit den Armen zu flattern! Alles klar, die Einheimischen können uns sofort den Weg weisen! Zwei Kilometer abseits der Hauptstrasse, dort wo die engen Kanäle zu einem dichteren Wassernetz werden, wo kleine Betonbogenbrücken die Wasserwege überspannen, wo links und rechts des schmalen Dammes hoher Bambus wächst und wir direkt neben den Reisfeldern fahren, dort ist die Storchenkolonie. Bei genauerem Betrachten handelt es sich zwar eher um Reiher, was aber nicht weniger beeindruckt. Zu Tausenden sitzen die grazilen Vögel in weissem, schwarzem oder beigem Gefieder in den schwankenden Bambusästen. So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir befinden uns auf einer erhöhten Plattform und stehen sozusagen Auge in Auge mit den Tieren. Manche nisten, andere füttern bereits Jungtiere. Es herrscht reger Betrieb in der Kolonie. Begeistert schauen wir den Vögeln zu, bevor wir unsere Reise wieder fortsetzen. Auch von Can Tho aus unternehmen wir einen halbtägigen Bootsausflug. Wir verlassen bald den Hauptflussarm und folgen den engen Seitenkanälen, welche beidseitig mit Palmen, Bambus und Plantagen bewachsen sind. Das Mekongdelta ist die fruchtbarste Gegend Vietnams und hier wird nebst Reis auch verschiedenstes Gemüse und Obst kultiviert. Nach Thailand ist Vietnam der zweitgrösste Reisexporteur der Welt. Wir fahren zu einem schwimmenden Markt, der sich völlig unterscheidet von jenem in der Nähe von Bangkok. Wir sind die einzigen Touristen und die Verkäufer bieten die Ware von ihren grossen Hausbooten aus an. Vom Bootsdach aus ragt eine lange Bambusstange in die Luft; daran hängen Rüben, Melonen, Ananas – das eben, was auf dem Schiff feilgeboten wird. So ist es für die Einkäufer in den kleinen Booten sehr einfach, in diesem Getümmel rasch das gesuchte Produkt zu finden. Unser nächster Übernachtungsort ist Vinh Long und liegt am nördlichen Mekong-Hauptarm. Seitdem wir Chau Doc verlassen haben, ist das eigentliche Vorwärtskommen kein Vergnügen. Der Verkehr auf den vietnamesischen Strassen ist schlichtwegs kriminell – ganz nach dem Motto: jeder ist der Stärkste und jeder hat immer Vortritt! Nebst dem, dass sowohl Roller, Busse und LKWs (PWs gibts kaum) wie die Henker fahren, unterstreichen sie ihre halsbrecherische Fahrweise mit ununterbrochenem ohrenbetäubendem Gehupe. Roller haben Hupen so laut wie bei uns die PWs, Minibusse hornen wie LKWs und die vietnamesischen LKWs haben wahre Schiffswarngebläse eingebaut! Wer nicht im richtigen Moment zur Seite weicht, hat Pech gehabt... Dieses Spiel wollen wir nicht mitspielen und werden wohl oder übel in diesem Land öfters auf den öffentlichen Verkehr umsteigen müssen. Auch das vietnamesische Volk an sich hat bisher bei uns noch nicht gross gepunktet. Im Gegenteil: Täglich erleben wir die Bewohner als aggressiv, stur und rüppelhaft, unheimlich gelderhaschend – Ausländer bezahlen à priori den doppelt bis vierfachen Preis: von der Ananas übers Hotelzimmer zum Zugsticket und wir müssen für alles heftig feilschen, was den Alltag sehr mühsam gestaltet. Die Vietnamesen sind sehr aufdringlich und respektieren keine Privatsphäre. So ist es schon mehr als einmal vorgekommen, dass unvermittelt ein Hotelangestellter in unserem Zimmer stand, ohne dass er vorher angeklopft hätte. Legen wir während der Fahrt am Strassenrand hin und wieder eine Verschnaufpause ein, so sind wir im Nu umringt und unzählige Hände drücken auf Sabines Hupe rum, betätigen die Hebel der Gangschaltung, Glocke hier, Licht da – alles Abwehren hilft nichts, einfach möglichst rasch weiter! Auch wollen hier immer alle wissen, was wir für unsere Ausrüstung bezahlt haben... leider können wir uns jedoch so schlecht an den Kaufpreis erinnern :-). Bevor wir von Vinh Long via Cai Lay nach Ho Chi Minh City (HCMC) fahren, entscheiden wir uns, einen Abstecher nach Sa Dec einzuschalten. Der Ort ist bekannt für die vielen Gärtnereien, die die Kanäle säumen. Entlang der engeren Wasserwege werden die Setzlinge gezogen. Bambusplattformen stehen im Wasser, darauf fein säuberlich angeordnet die jungen Pflanzen. Auf den breiten Wasserwegen wird die Ware verschifft; zum Verkauf nach HCMC. Die Strasse von Sa Dec zurück auf die Nationalstrasse Nr 1 ist in sehr schlechtem Zustand. Im Vergleich zum Morgen ist gegen Mittag die Piste völlig ausgetrocknet, sodass wir wieder mit Maske fahren und öfters einen Halt einlegen müssen. Bingo! Beim einen Halt treffen wir den Nagel mal wieder voll auf den Kopf: Hochzeitsgesellschaft! Das kommt uns sehr gelegen, denn wir haben noch nicht viel gegessen und die Fressbuden sind auch in Vietnam nicht allzu dicht gesät. Gerne folgen wir der einen Frau, die sehr gut englisch spricht, ins Innere des Gebäudes, das eher einer Fabrikhalle gleicht. Sofort wird grosszügig aufgetischt: Hühnersuppe, Bambussprossensalat, fritierte Riesen-Garnelen, Frühlingsrollen – alles vom Feinsten und wir greifen tüchtig zu. Zu Trinken gibts Bier und Whisky in rauhen Mengen – bei dieser Hitze bleiben wir jedoch lieber beim Wasser. Es tümmeln sich ja bereits genug Spinner auf der Strasse! Wir unterhalten uns angeregt mit der Frau, sofern dies der ohrenbetäubende Karaoke-Background zulässt. Sie erklärt uns, dass wir uns eigentlich in einer Töpferei befinden und dass es die Tochter des Fabrikbesitzers sei, die heirate. Sie selber sei Büroangestellte der Firma und für den Export der Ware zuständig. Nach dem Essen – es handelt sich noch nicht um das eigentliche Fest, sondern eher um einen "Vor-Schmaus" – führt sie uns durch das Fabrikgelände. Mehrere riesige Hallen stehen nebeneinander; bis unters Dach gefüllt mit wunderbaren Terracotta-Töpfen. Die Firma exportiert auch nach Spanien, Frankreich und Deutschland – Konkurrenz aus Fernost für die Toscana! Die Brennöfen an sich sind auch wunderschöne Bauwerke: kuppelförmig wie die süditalienischen Trulli, gebaut aus regelmässig aufeinandergeschichteten Ziegelsteinen. Schon von Weitem sind diese Kuppelbauten mit den aufsteigenden Rauchwolken erkennbar. Ho Chi Minh City ist die grösste Stadt Vietnams und gefällt uns sehr. Viel Grün in Form von Alleen und Parks lockert die Metropole auf. Wir geniessen es, durch die einfacheren aber auch schickeren Quartiere zu schlendern, besuchen das Vietnamkriegs-Museum und bringen unsere Velos zur Reinigung, wo sie erst mal kräftig einshamponiert, dann geschrubbt und zum Abschluss auf Hochglanz poliert werden. Für die Kette gibts Spezialreinigung, sowie mal wieder eine Ölung. Am 31. Mai lassen wir HCMC hinter uns und müssen gezwungenermassen 60km auf dem Highway Nr. 1 zurücklegen, welcher HCMC mit der 1'700km nördlich gelegenen Hauptstadt Hanoi verbindet. Wir sind froh, als wir diese sehr stark befahrene Hauptverkehrsachse endlich verlassen und der unerträglichen Huperei entkommen können. Nun gehts in die Berge nach Dalat. Nicht der Ort selber, welcher der Inbegriff ist für vietnamesischen Kitsch, gibt den Ausschlag für diese Routenwahl, sondern der Weg dorthin entlang von Tee- und Kaffeeplantagen, sowie die bevorstehende Abfahrt wieder hinunter ans Südchinesische Meer. Und natürlich möchten wir seit Monaten wieder einmal angenehmere Temperaturen geniessen. Doch der Abschnitt vor Bao Loc, wo sich die Strasse serpentinenartig durch den Regenwald hochschlängelt, gibt den endgültigen Ausschlag, dass wir das Fahrradfahren in diesem Land ab sofort auf ein Minimum reduzieren werden. Was wir da erleben müssen, ist der absolute Wahnsinn. Die Busse, Minibusse und LKWs überholen ohne jegliches Verantwortungsbewusstsein in jeder noch so engen Kurve, drängen uns in den Strassengraben und hupen zudem ununterbrochen mit ihren ohrenbetäubenden schrillen Hupen. Lieber drücken sie einmal mehr auf ihr heissgeliebtes Horn, als dass sie mit dem Fuss vom Gaspedal rücken würden; so ganz nach dem Motto: je mehr Du im Leben gehupt hast, desto eher kommst Du ins Nirvana. So beschliessen wir, die letzten 100km bis zum ehemaligen französischen Bergerholungsort Dalat mit einem Minibus zurückzulegen, was sich im Nachhinein auch nicht als gute Alternative erweist: mit 120km/h prescht der Fahrer durch besiedeltes Gebiet, überholt in waghalsigen Manövern sämtliche andern Verkehrsteilnehmer; egal, ob unterhalb einer Hügelkuppe oder in einer unübersichtlichen Kurve. Alles Zureden unsererseits bringt nichts; im Gegenteil: die Einheimischen machen sich über uns lustig und der Fahrer tritt nur noch heftiger aufs Gas. Erst als Sabine in ihrer ganzen Wut dem Fahrer kurzerhand heftig das eine Ohr lang zieht, scheint dies zu wirken, denn ab sofort drosselt der zutiefst Gekränkte seine Fahrweise und wir können die restliche Fahrt geniessen. Bei der Ankunft in Dalat, welches auf 1'450m.ü.M. liegt, zeigen sich die umliegenden Bergspitzen in Nebelschwaden verhüllt. Es herrschen auf dieser Höhe angenehme 25 Grad. Wir beschliessen zwei Nächte zu bleiben, müssen aber das Hotel wechseln, da die vietnamesischen Ferien beginnen und viele Hotels ausgebucht sind. Mit dem Fahrrad erkunden wir die nähere Umgebung und landen zwischen den unzähligen Treibhäusern, wo Schnittblumen, verschiedenstes Gemüse und Erdbeeren angepflanzt werden. Beim Prenn Wasserfall, wo sämtlicher vietnamesischer Kitsch aufeinanderprallt, amüsieren wir uns ob der Neigung der Einheimischen zum Kindlichen. Die rasante Abfahrt über 100km und 1'450 Höhenmeter hinunter an die Küste können wir bei angenehmem Verkehr so richtig geniessen. Dabei passieren wir den riesigen Dan Nhim Stausee mit dem beeindruckenden Kraftwerk, welches den Strom für einen grossen Teil Südvietnams liefert. Einmal mehr kommen wir auf der Abfahrt in ein heftiges Gewitter, können aber gerade noch rechtzeitig bei einer Holzhütte unterstehen. Sabine, die bereits am Morgen mit Fieber losgefahren ist, fühlt sich schwach und die letzten 40km werden für sie ziemlich zur Qual. Sind wir froh, dass es in Thap Cham gerade neben dem Bahnhof ein Hotel gibt! Morgen wollen wir von hier aus den Zug nach Da Nang nehmen, müssen aber vorgängig die Velos aufgeben. Doch vorerst quälen wir uns durch die Nacht, denn mittlerweile hat auch Roland Fieber und Gliederschmerzen. Am nächsten Morgen bringt Roland die Velos zum Bahnhof und muss nun feststellen, dass die Tickets plötzlich fast doppelt so teuer sind, wie bei der Nachfrage tags zuvor. Touristen bezahlen halt für den Zug den Ausländerpreis, erhalten dafür aber auch das offizielle "foreigner ticket"... Mit drei Stunden Verspätung tuckert die Diesellock gegen 18.30 Uhr ein; es ist bereits dunkel. Sofort nisten wir uns auf den erstaunlich weichen "hard sleepers" ein und hoffen, dass es uns morgen wieder besser geht. Doch Roland quält sich nach wie vor mit starken Gliederschmerzen und hohem Fieber und auch Sabine ist überhaupt nicht fit. Klar bleibt es nicht bei den drei Stunden Verspätung, sondern ganze sechs Stunden werden es bis zu unserer Ankunft. So kommen wir auf der 17-stündigen Fahrt immerhin in den Genuss, wie die mit Wasser gefüllten Reisfelder in der aufgehenden Sonne orangefarben leuchten und die Bauern mit ihren landestypischen konischen Strohhüten bereits in aller Frühe die Feldarbeit verrichten. Wie einzelne Punkte sind sie über die weitreichenden Reisfelder verstreut. In Da Nang kümmert sich Sabine umgehend um die Fahrräder, bevor wieder irgendwelche Schaulustigen ihren Spieltrieb an unseren Schaltungen und Hupen befriedigen und bevor die Räder in der Gepäckaufbewahrung verschwinden, wo wir sie dann für irgend einen Fantasiepreis wieder auslösen können! Die Sättel sind zerkratzt, ein Bidonhalter gebrochen und sämtliche Glücksbringer unserer bisher bereisten Länder geklaut...! Wir versuchen schon gar nicht mehr, uns über den Schaden zu beschweren, denn nebst Unverständnis und verlegenem Gelächter beim herumhängenden Personal, würde dies nichts Weiteres bewirken. Aber hartnäckig auf der Billetkontrolle bestehen, obwohl die Tickets schon x-fach kontrolliert wurden, das scheint ihnen wohl eingetrimmt worden zu sein. In Da Nang bleiben wir nur eine Nacht, denn wir möchten die südlich gelegene alte Handelsstadt Hoi An besichtigen. Doch vorerst lassen wir uns auf dem Weg dorthin für zwei Tage an der China Beach am Golf von Tonkin nieder, um seit Monaten wieder einmal Sandstrand und Meer zu geniessen. Ausserdem feiert Roland Geburtstag, den wir natürlich auch speziell gestalten wollen. Der Strand erstreckt sich über gut 10km, hat aber leider kaum schattenspendende Palmen. Mit Geniessen wird jedoch nicht viel, denn bereits am zweiten Tag holt Roland das Fieber und die Gliederschmerzen wieder ein. Nachdem er auch noch Hautausschläge bekommt, befürchten wir, dass es sich um Denguefieber handeln könnte, denn sämtliche Symptome stimmen mit dem Krankheitsbeschrieb überein. Wir beschliessen, zurück zur Millionenstadt Da Nang zu radeln, denn dort wird die medizinische Versorgung besser sein als in Hoi An. Wir suchen umgehend einen Arzt auf, welcher Roland untersuchen kann. Die Arztpraxis ist sehr einfach, doch macht sie einen guten Eindruck. Es steht zwar das Auto direkt neben dem Empfang im Haus, die Blutdruck- und Pulsmesserin hat ihren Arbeitsplatz unter der Treppe eingequetscht und es stehen wie immer viele Angestellte, diesmal Arztgehilfinnen herum. Während der Arzt in seinem fensterlosen und schummrig beleuchteten Zimmer Roland untersucht, fragen die Arztgehilfinnen im Rücken des Arztes Sabine, ob wir verheiratet und wie alt wir seien. Dass sie uns "Westler" mit den langen Nasen schön finden ist für uns nichts Aussergewöhnliches mehr. Diese Fragerei und Neugierde gehört zur vietnamesischen Mentalität. Glücklicherweise kann uns der Arzt Entwarnung geben. Denguefieber ist es nicht, doch was Roland hat, wissen wir nicht, denn wir verstehen beim besten Willen nicht, was uns der Arzt in seinem bescheidenen Englisch mitteilen möchte. Mit einem fiebersenkenden Mittel und Antibiotika verlassen wir die Praxis. Doch bereits am nächsten Morgen hat Roland einen starken Hautausschlag und auch bei Sabine machen sich erste Punkte bemerkbar, sodass wir uns bald wieder in der Praxis vorfinden. Scharlach zeigt der Arzt im Englisch-Dictionnaire. 2–3 Tage Bettruhe, viel trinken und nicht an die Sonne gehen, bekommen wir verordnet. Zum Glück haben wir ein Hotelzimmer mit TV und so können wir von unserem Krankenlager aus die Fussball-WM mitverfolgen. Am 12. Juni setzen wir unsere Reise nach Hoi An fort. Es liegen nur 30km vor uns, die wir zu bewältigen haben. Es ist eine der malerischsten Städte Vietnams und gehört zu den Hauptsehenswürdigkeiten des Landes. Vom 17.-19.Jh. gehörte Hoi An zu den wichtigsten Häfen Südostasiens. Händler aus aller Welt steuerten die Stadt an. Chinesen, Japaner, Holländer, Portugiesen, Spanier, Inder, Franzosen, Engländer und Amerikaner handelten mit Waren, wie qualitativ hochstehender Seide, für die Hoi An bekannt war, Stoff, Papier, Porzellan, Tee, Zucker, Pfeffer, chinesische Medizin, Elfenbein, Perlmutter u.v.m. Viele chinesische Händler liessen sich für längere Zeit in Hoi An nieder. Noch heute sind hier die farbenfrohen und reichgeschmückten chinesischen Tempel mit den typischen glasierten Ziegeln zu bewundern. Die 6-8m schmalen Wohn- und Lagerhäuser sind bis zu 60m tief und von 2 Gassen zugänglich, was eine optimale natürliche Belüftung ermöglicht. Die interne Raumeinteilung erfolgt mittels transparent ausgebildeten Trennwänden (geschnitzt und gedrechselt), sowie durch eine geschickte Anordnung von atriumartigen Innenhöfen. Eine richtig entspannende Atmosphäre strahlt das heutige Hoi An aus, und so erstaunt es nicht, dass es uns 4 Tage festhält. Ein weiterer Grund für unseren längeren Aufenthalt in dieser Stadt ist bestimmt das reichhaltige Angebot an Seide und anderen Stoffen, sowie an Schneidern, die daraus zu unvorstellbar günstigen Preisen Anzüge, Jacken, Hemden, Hosen, Röcke, Abendkleider und Blusen anfertigen. Wir können natürlich diesem verlockenden Angebot nicht widerstehen und decken uns mit 8 Röcken, 3 Paar Hosen, 1 Oberteil für Sabine und sage und schreibe 13 Hemden, 1 Anzug, 3 Paar Hosen, 2 Jacken und 1 Paar Sandalen für Roland ein!!! Der pure Wahn! Alles ist massgeschneidert und innerhalb von unglaublichen 12 Stunden angefertigt; falls es dann auch passt. Ansonsten, und das ist bei uns meist der Fall, bleibt nichts anderes übrig, als 4-5 mal vorbeizugehen und darauf zu beharren, dass die Ärmel ausgeweitet oder die Hosen nochmals angepasst werden müssen. Ein Auftrag ist schnell entgegengenommen und die Stoffteile im Nu zusammengenäht, doch wenn es um wirklich perfekte Arbeit geht, müssen die Schneider bald kapitulieren. So wird jeder Hosensack innen mit einem anderen Stoffresten genäht, der Stoff ist von der Sonne oft schon verbleicht und Nähte verlaufen wie es der Zufall gerade will. Wenn man in diesen Fällen wie wir Verbesserung verlangt, hapert es dann schnell einmal mit der professionellen Kundenbetreuung. Wir mit unserem Schweizer-Perfektionismus sind aber beharrlich und sind in den Geschäften bald als mühsame Kunden bekannt ;-). Mit dem Bus legen wir unseren nächsten Abschnitt von Hoi An nach Hue zurück. Trotz mehrmaligem Betonen, dass wir zwei Fahrräder haben (yes, yes, no problem, really, enough space, no problem) die im Bus Platz finden müssen, scheint nach erster Zusage eine halbe Stunde vor Abfahrt unsere Mitfahrgelegenheit doch wieder ungewiss... Nur Dank unserer Hartnäckigkeit klappt es doch noch und bereits am Mittag treffen wir im 110km nördlich gelegenen Hue ein. Vier Tage verbringen wir in der ehemaligen vietnamesischen Hauptstadt, wobei der Besuch der kaiserlichen Zitadelle einen der Höhepunkte darstellt. Die letzte Kaiser-Dynastie – die Nguyen Dynastie – herrschte von 1802 bis 1945 und um 1804 wurde mit dem Bau der befestigten Palastanlage begonnen. Als Vorbild dienten die sternförmig umschlossenen Festungsanlagen des französischen Festungsbauers Vauban. Schon in der damaligen Zeit war die teure und aufwändige Bauart des Palastgeländes sehr umstritten; Zwangsarbeit musste verrichtet werden und die Steuern schnellten in die Höhe. Doch, wie könnte es anders sein, sind auch heute noch die verbleibenden Anlagen von unschätzbarem kulturellem Wert. Wir tauchen ein in eine Welt, wo Palastbauten, Höfe, mit Steinbrücken überspannte Lotusteiche und Bonsaibäume in riesigen Tonschalen eine für uns bis anhin fremde Architektur und Raumabfolge bilden. Glasierte Ziegel als Dacheindeckung oder Bodenbelag, die Holzeinbauten der Paläste reduziert aus naturbelassenem dunklem Holz oder edel rot und gold gestrichen. Falttüren in Serie und präzise gesetzte Durchblicke in Höfe, Arkaden und Parkanlagen. Gold, Emaille, Porzellan, Seide und Perlmutter. Wer es im Leben prunkvoll mag, will natürlich auch im Jenseits bestens ausgestattet sein: An einem Tag radeln wir zu zwei der sieben in der näheren Umgebung gelegenen kaiserlichen Mausoleen (Grabstätten). Fern ab von jeglichem Verkehr kurven wir durch die leicht hügelige und sehr grüne Landschaft entlang des Perfume-Rivers. Herrlich! Manchmal wurden diese Anlagen auch schon zu Lebzeiten benutzt – sozusagen als Wochenendquartier. Da konnte der Kaiser dann im "luftigen" Pavillon an seinem idyllisch angelegten Lotusteich sitzen, vor sich hindichten und sich zur Abwechslung von seinen Konkubinen (Harem) verwöhnen lassen. Bereits zur Zeit der Nguyen Dynastie fassten die Franzosen Fuss in Vietnam. Anfänglich waren sie "bloss" missionarisch tätig, ab 1847 auch militärisch; als der damalige Kaiser begann, sich gegen die katholischen Missionare aufzulehnen. Die Bahnlinie Saigon-Hanoi, viele Häfen, weitläufige Be- und Entwässerungssysteme, Dammanlagen etc. hat das Land heute den ehemaligen Kolonialherren zu verdanken. Die Mehrheit der vietnamesischen Bauern musste ihr Land an die Kolonialmacht abtreten und in den 1930er Jahren gab es bis zu 70% Landlose. Ironie des Schicksals: Unter französischer Herrschaft verarmte die vietnamesische Bevölkerung derart, dass in der damaligen Zeit die Kolonie nie zu einem Absatzmarkt für französische Produkte werden konnte. Unzufrieden mit der Unterdrückung der Bauern und der ungerechten Landverteilung, begann 1925 der Aufstieg der vietnamesischen Kommunisten unter Ho Chi Minh. Als 1940 Frankreich an Nazi-Deutschland fiel, mussten die Franzosen den Einmarsch japanischer Truppen in Vietnam akzeptieren; für sie selbst blieben die Tagesgeschäfte übrig. Auch gegen die japanische Besatzung lehnten sich die vietnamesischen Kommunisten auf und wurden ab 1944 von den USA finanziell und mit Waffenlieferungen unterstützt. 1945 waren grosse Teile Vietnams unter kommunistischer Herrschaft. Nach dem Atombombenangriff auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 nutzte Ho Chi Minh das Machtvakuum und erklärte einen Monat später die "Demokratische Republik von Vietnam" für unabhängig. In den kommenden neun Jahren tümmelten sich nebst den Franzosen und Japanern auch Engländer, Chinesen und Amis im Land, wobei die Franzosen mit amerikanischer Unterstützung militärisch am aktivsten waren. Als sich 1954 abzeichnete, dass Frankreich den Krieg nicht gewinnen konnte und das Land würde verlassen müssen, wurde an der Genfer Konferenz eine vorübergehende Teilung Vietnams in einen Nord- und einen Südteil vereinbart. Die Grenze verlief entlang des Ben Hai Flusses, beim 17. Breitengrad. 1956 hätten in beiden Landesteilen Wahlen stattfinden sollen, an denen pro oder contra Kommunismus entschieden worden wäre. Die Wahlen fanden nie statt und stattdessen brach 1955 der Krieg zwischen Nord und Süd aus. Der kommunistische Norden unter Ho Chi Minh, der Süden unter dem katholischen Anti-Kommunisten Diem (Republik Vietnam). Als 1956 die französischen Truppen das Land verliessen – Ende des Indochina-Kriegs – blieb noch die seit 1950 stationierte und mittlerweile stark angewachsene amerikanische MAAG (Military Assistance Advisory Group – toll ausgedrückt, nicht!) übrig. Klar, wenn man Waffen liefert, braucht es auch Instruktoren, sonst ballert man nur daneben! Die Truppen wurden aufgestockt und so nahm der Amerika-Krieg seinen Lauf, der 1975 mit einer grossen Niederlage auf amerikanischer Seite endete. Zwischen 1975 und 1989 litt die vietnamesische Bevölkerung unter der sogenannten Ersatzwirtschaft. Sämtliche Güter waren rationiert; für 1kg modrigen Reis mussten die Leute schon am Vorabend anstehen. Fahrräder und Radios waren Luxusgüter und somit "besseren" Leuten vorbehalten und mussten registriert werden. Um den spärlichen Speisezettel ein wenig anzureichern, hielten sich die Leute nicht selten Schweine und Geflügel in der Wohnung und die grosse Not machte die Menschen unheimlich erfinderisch. An Aufschwung und Fortschritt aus Sicht der Bevölkerung war noch lange nicht zu denken. Wir besuchen die Demilitarisierte Zone (DMZ) im Bereich des Ben Hai Flusses, nördlich von Hue. Auch die Vinh Moc Tunnels an der Küste sind Zeugnisse dieser tragischen Zeit: Die Küstendörfer nördlich der DMZ befanden sich in einem der am stärksten umkämpften Gebiete. 1966 begannen daher die Bewohner Tunnels zu graben, welche sich noch heute in der bewaldeten Küstenböschung auf drei Ebenen befinden. Von Hand und mit primitivsten Mitteln wurden hier in 18 Monaten 3km Tunnel gegraben (insgesamt 41km Tunnel im gesamten Gebiet!); 12, 15 und 23m unter der Erdoberfläche. In den Vinh Moc Tunnels lebten 29 Familien in engen Erdnischen, wo sie vor den Gefechten Schutz fanden. Der Ausflug führt ebenfalls westwärts in die Berge, in Richtung laotische Grenze, wo noch alte Armeefahrzeuge rumstehen und Basislager besichtigt werden können. Noch immer sind die Spuren der Agent Orange und Napalm Angriffe sichtbar, die Natur hat sich noch nicht erholt und anstelle des Dschungels bewachsen niedere Sträucher die Hänge. In geringen Mengen ist das Gift auch heute noch in der Nahrungskette vorhanden und noch immer kommen vereinzelt Kinder mit Deformationen zur Welt. Am 21.06.06 besteigen wir den Nachtzug nach Hanoi und siehe da, alles klappt reibungslos und wir entnehmen die unversehrten Räder gerade noch rechtzeitig den Händen der korrupten Bahnangestellten. Also, geht doch! Als Erstes begeben wir uns auf den Weg zur chinesischen Botschaft, denn wir wollen unbedingt mit einem 3-Monats-Visum einreisen! Andere Radler haben hier auch 3 Monate bekommen – für sage und schreibe "spottbillige" US$ 30.-/Person. In Bangkok haben sie uns für 1 Monat US$ 50.-/Person abgeknöpft. Und schaut man auf der Homepage nach, so kosten 3 Monate US$ 50.-. Es herrscht die pure Willkür! 4 Arbeitstage werden fürs Ausstellen benötigt; es ist Donnerstag. Wie in allen kommunistischen Ländern, werden auch in Vietnam die Aufenthaltsorte und Reisebewegungen aller Leute genau registriert und wir müssen im Hotel immer die Pässe abgeben, die am Abend jeweils vom "öffentlichen Sicherheitsbüro" kontrolliert werden. Wir beschliessen, unseren geführten 2-Tagesausflug zur Halong Bay aufs Wochenende vorzuverlegen. Wir nehmen uns ausreichend Zeit, um nach einem guten Angebot zu suchen, denn schlimme Erfahrungen anderer Touristen verbreiten sich wie ein Lauffeuer: überbelegte Doppelkabinen auf dem Boot, zuwenig Essen, kein Wasser und Strom. Wir haben grosses Glück und können zwei erholsame und ruhige Tage an Bord einer wunderschönen nachgebauten Holzdschunke (chinesisches Handelsschiff mit fächerartigen Segeln) geniessen. Die Halong Bay gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und bietet eine fantastische Kulisse. Gegen 4'000 freistehende Karst-Gipfel – z.T. saftig grün bewachsen – ragen aus dem Meer. Es ist auch hier, wo wir eine imposante Tropfsteinhöhle besuchen. Als der Meeresspiegel noch höher war, wurde die Decke ausgewaschen und hat unzählige Miniaturgewölbe zurückgelassen. Atemberaubend schön und erstaunlich gut erhalten! Auf unserer Dschunke lernen wir Petra und Reinhard aus Wien kennen, mit denen wir uns lange unterhalten. Es war schön, Euch kennengelernt zu haben und wir freuen uns auf ein Wiedersehen in der Schweiz oder Österreich! Zurück in Hanoi gehen wir zuerst zur Chinesischen Botschaft, danach schlendern wir tagelang durch die labyrinthähnlich verlaufenden, engen und verwinkelten Strassen und Gassen des "Old Quarter" (Altes Viertel). Da muss selbst Roland des Öftern den Stadtplan zücken! Im 13.Jh. haben sich hier Zünfte gebildet und je nach Handwerk in einer anderen Strasse niedergelassen. So sind die Strassennamen nach wie vor nach dem Handwerk, das zu jener Zeit in dieser Gasse ausgeübt wurde, benannt. Man findet die Korbmacher, Trommelbauer, Fischer, Kistenmacher, Mattenflechter, Seidenfärber... Die Läden sind meist vollgestopft und die Produkte werden auch auf dem Trottoir und an der Fassade präsentiert. Die Anlieferung erfolgt vorwiegend mit den Motorrollern, die unglaublich beladen sind und herrliche Fotomotive hergeben. Es ist laut und überall wimmelt's. Die Häuser sind 2-4 geschossig und sehr schmal; manchmal nur 2-3m breit. Dies resultierte aus der Gebäudesteuer, die von der zur Strasse ausgerichteten Gebäudebreite abhing. Deshalb sind die Häuser sehr tief und schlecht belichtet und werden auch Tunnel- oder Schlauchhäuser genannt. Zwischen den Gebäuden verlaufen oft sehr enge Gassen, die in einen Hinterhof münden, wo Wäsche hängt und viel Kram herumsteht. Juhuu, Sir, juhuu – der Cyclo-Fahrer (Rikscha) winkt auch schon lange, ob wir für eine Stunde durch die Stadt chauffiert werden möchten. Hello, Madame, how old a you? What's you name? You want motobike? First customer today! Special prize! Hello, pineapple buy from me! Jeder möchte noch ein paar Dongs verdienen. Wir besuchen ebenfalls eine Abendvorstellung des international renommierten Wasserpuppen-Theaters (www.thanglongwaterpuppet.org). Eine sehr kuzweilige und amüsante Aufführung erwartet uns. Enstanden ist diese Tradition vor ca. 1'000 Jahren, als die Bauern begannen, in den gefluteten Reisfeldern zum Zeitvertreib Theater zu spielen. Entsprechend handeln die meisten Szenen aus dem bäuerlichen Alltag: Frösche fangen, Reis pflanzen, Wasserbüffel an der Arbeit... Ein im Wasserbecken auf Pfählen stehender chinesischer Tempel bildet die Kulisse. Musikalisch werden die Szenen von einem kleinen Orchester (1-Saiten-Instrumente, Gongs, Bambusxylophons etc.) untermalt. 29.06.06 – wir können das Chinavisum abholen. Seit Langem schwingen wir uns mal wieder auf die Räder, denn anschliessend möchten wir das abseits gelegende Ethnologische Museum besuchen. Es ist unser letzter Tag in Hanoi; tagsdarauf wollen wir auf den langersehnten Nordwest-Loop starten, der uns ins Gebirge führt, wo noch sehr viele Bergstämme heimisch sind und das Landschaftsbild durch wunderbare terrassierte Reisfelder geprägt sein soll. Das glauben wir zumindest noch, als wir unsere Göppel vom 3. Stock des Hotels runterschleppen... Aha, zuwenig Luft! Roland startet eine Pump-Runde. Sabines Hinterrad ruckt – immer im Bereich des Ventils. Das tut's schon seit Monaten und da wir den "Bauch" weder sehen noch mit den Fingern spüren – man merkt's nur beim Bremsen – lockert Roland zum x-ten Mal die hinteren Bremsklötze. Als wir die Botschaft erreichen, ruckt's noch stärker. Wieder Bremskabel lösen und zugleich Speichen etwas nachziehen. Hei, was ist das bloss!?! Das Museum ist äusserst interessant und wir verbringen mehrere Stunden dort. Zurück im Hotel kommt dann die böse Überraschung: 12cm Felgenriss! Chofferdechelen! Das gibt's ja nicht! Sofort brechen wir wieder auf – es ist bereits Abend – und machen uns auf die Suche nach einem Velomech. Bitte am liebsten eine Bude, die westliche Produkte verkauft... Aber such mal ne Nadel im Heuhaufen! Im neuen Stadtteil finden wir zwar rasch die Velomech-Strasse, aber die Händler verkaufen alle dieselbe minderwertige Importware aus China oder die noch schlechteren Produkte aus Vietnam. Und da kommen wir mit unserer High-tech Hohlkammerfelge angerollt und wollen Ersatz... In der zweiten Bude spricht der Mechaniker sogar gebrochen deutsch; 3 Jahre hat er in Leipzig gewohnt und gearbeitet. Er hat sogar eine bessere Felge als die hier Üblichen – eine Taiwanesische. 26 Zoll, 36 Speichenlöcher, keine Brauen – tiptop! Obwohl Roland befürchtet, dass unsere Speichen infolge Hohlkammer zu kurz sind, lassen wir das Rad umspeichen. Man weiss ja nie! Kein Problem, ich kann schon – meint der Mech und legt los! Rolands Befürchtungen bewahrheiten sich und der Mech muss wieder auf die alte Felge zurückspeichen. Mittlerweile mailt Roland an Velociped in Kriens, damit sie uns per DHL Ersatz schicken können. In der Zwischenzeit überwacht Sabine unser Material und die Arbeiten am Rad. Die Velobude ist eine Schmuddel-Höhle in einem Hinterhof, alle Werkzeuge und Veloteile auf dem Boden zerstreut, gearbeitet wird kauernd. Wir müssen unsere Teile gut im Auge behalten! Fertig eingespeicht; Schlauch rein und Pneu drauf. Der Mech greift zur Druckluft-Pumpe und pumpt und pumpt – auf die Druckanzeige schaut er nie. Hey! Nicht zuviel, max. 5 Bar! – warnt Sabine... Kein Problem, ich weiss schon, waren die letzten Worte des Mechs, vor dem grossen Knall! Verdammt! Nicht nur die Felge total zerborsten, sondern auch der Schlauch zerfetzt! Kein Problem, ich kann schon, waren des Händlers erste Worte nach dem Schock! Sabine explodiert: Wenn das kein Problem ist, was ist es dann – und nimmt dem Mech die Teile aus den Händen. Als Roland zurück ist, organisiert der Händler ohne Diskussion auf seine Kosten ein grosses Taxi, das uns und die beiden Räder zurück zum Hotel bringt. Zuerst wollte er zwar seinen Freund aufbieten – einen Mofafahrer. Da hätte Sabine dann, das Fahrrad haltend, hinten aufsitzen sollen!!! Ja, solche Akrobatik ist hier Alltag und wir beharren auf einem Auto! Internet sei Dank! Tagsdarauf haben wir bereits Antwort von Velociped! sFr. 470.- würde allein der Versand per Expresskurier kosten, was uns doch etwas gar kostspielig scheint. Auch Urs legt sich sofort ins Zeug und klärt günstigere Versand-Alternativen ab. Nochmals ganz herzlichen Dank! Roland macht sich erneut auf die Suche nach einer Ersatzfelge und Sabine schreibt während dieser Zeit am Reisebericht. Nach sage und schreibe 11h durch Hanoi hetzen, kehrt Roland erfolgreich zurück! Wie könnte es anders sein: ausgerechnet bei Meister Druckluft lässt er am Ende die taiwanesische Felge neu einspeichen. Wir können zuhause also vorerst Entwarnung geben. Solange die uns bis nach Kunming (Südchina) bringt, sind wir glücklich, dort gibt's dann angeblich auch Bikeshops nach westlichem Standard. Mal sehen :-). Am 02.07.06 düsen wir also los auf unsere Tour durch den Nordwesten Vietnams. Endlich wieder in der freien Natur unterwegs! Für diejenigen, die sich genauer für die Route interessieren, nachfolgend die einzelnen Etappen: Hanoi, Hoa Binh, Mai Chau, Moc Chau, Yen Chau, So'n La, Tuan Giao, Dien Bien Phu, Muong Lay, Lai Chau, Phong Tho, Binh Lu, Sapa. Ja, wir möchten es gleich vorweg nehmen: Diese 13-tägige Tour – wir legen in Lai Chau einen Ruhetag ein – bringt uns durch eine der abwechslungsreichsten und spektakulärsten Gegenden unserer bisherigen Reise. Während der ersten zwei Tage führt die Route durch eine mit Karstfelsen "gespickte" und von Reisfeldern bedeckte Ebene. Danach meistern wir mehrere Pässe – Patricia und Markus, an den Klausen kommen wir aber nicht heran :-) – fahren entlang von bewaldeten Gebirgszügen, passieren Hochebenen, pedalen durch Täler und Schluchten und bestaunen immer wieder die kunstvoll angelegten terrassierten Reisfelder im steilen Gelände. Bis nach Lai Chau haben wir fast täglich z.T. heftigen Regen zu ertragen und so starten wir jeden Morgen im Ungewissen, ob die Weiterfahrt wohl möglich sein wird. Die Strasse ist zwar in erstaunlich gutem Zustand, aber nach heftigen Unwettern muss immer mit Erdrutschen und Felsschlag gerechnet werden. Obwohl wir uns des Öftern und z.T. über längere Distanz durch schlammige und rutschige Abschnitte kämpfen müssen, ist die Strasse doch durchgängig offen. Nach So'n La nimmt auch der Verkehr merklich ab. Ja, fortan sind wir auf uns alleine gestellt. Wir kommen an einfachen Dörfern vorbei, wo Angehörige der Hilltribes wohnen. Sie gehören den selben ethnischen Minderheiten an, denen wir bereits in Nordthailand und Nordlaos begegnet und die von langer Zeit von Südchina her hier eingewandert sind. V.a. die Frauen tragen noch die stammestypischen Kleidungen und der Ausbildung der Kopfbedeckungen sind keine Grenzen gesetzt. Manchmal, wenn wir über Märkte schlendern oder den Leuten entlang des Weges begegnen, haben wir den Eindruck, dass wir uns an einer Modeschau befinden! Die Hilltribes erleben wir als sehr herzliche, wenn auch zurückhaltende und sehr arbeitsame Menschen, die von morgens früh bis abends spät ihre Reis- und Maisfelder bestellen. Der Tourismus ist in dieser entlegenen Gegend noch nicht verbreitet und so geniessen wir die Fahrt durch diesen eher unberührten Landesteil umso mehr. Natürlich hat der Fortschritt im Alltag auch hier nicht Halt gemacht: TVs in den einfachsten Hütten sind allgegenwärtig und die Hilltribefrauen flitzen auf dem Mofa über die Berge. Je abgeschiedener der Ort, desto bescheidener die Übernachtungsmöglichkeit und öfters gilt betreffend Unterkunft: Aussen fix und innen nix. In Muong Lay beispielsweise können wir wählen zwischen einem extrem schäbigen Guesthouse in privater Hand und einem schäbigen "Staats-Hotelbunker". Wir entscheiden uns für das kleinere der beiden Übel und unterstützen den Staat... Aber es gibt noch mehr in diesem abgeschiedenen Kaff, das uns zu Denken gibt: Auf der Suche nach was Essbarem – wir möchten mal wieder was anderes essen, als immer nur Nudelsuppe – schlendern wir über den Markt. Das Angebot ist mager und wir erstehen nach heftigem Feilschen Erdnüsse, Tomaten und Bananen. Plötzlich zupft uns jemand am Arm. Es ist eine heftig kichernde Frau – Arme und Beine in Ketten gelegt. Um Himmels Willen, was ist denn hier los!? Die Frau scheint geistig verwirrt zu sein und wir vermuten, dass sie von ihren Angehörigen gefesselt wird, damit sie nicht davon läuft. Auf dem Gelände unseres Hotels befindet sich gleichzeitig eine Art Behinderten-Haus. Junge Leute mit unterschiedlichsten Deformationen eilen herbei, um uns zu begrüssen. Ein Mann trägt den Rumpf einer Frau – das Einzige was wir sehen an ihr ist ein Kopf, sowie ein Arm mit einer Hand; der restliche Körper verschwindet in den viel zu grossen Kleidern. Wir erschrecken, sind überhaupt nicht gefasst, denn hätte die Frau nicht gesprochen, hätte man sie fast für eine Handpuppe halten können. Das soll nicht belustigend tönen; wir sind schlichtwegs schockiert, denn wir vermuten, dass Behinderte einfach in diesen tristen Bergort abgeschoben werden. Unheimlich traurig! Ab Muong Lay spielt uns die vietnamesische Regierung so manchen Streich. Vor einigen Jahren hat sie angefangen, Angehörige der Viet-Volksgruppe (Volksmehrheit Vietnams) in die Bergregionen umzusiedeln, um die Hilltribes "unter Kontrolle zu halten". Im Rahmen dieser Umsiedlungsaktion wurden vor 2 Jahren auch die Provinzgrenzen neu gelegt, sowie – und das stellt sich für uns als besonders intelligenter Schachzug heraus – Ortschaftsnamen ausgetauscht! Lai Chau heisst neu Muong Lay, Tam Duong heisst neu Lai Chau und Binh Lu heisst nun Tam Duong. Da soll noch jemand draus kommen, zumal die Verkehrsschilder nicht durchgehend angepasst sind! Am 14.07.06 nehmen wir von Binh Lu aus die letzte Etappe in Richtung Sapa unter die Räder. Der Himmel ist bedeckt und so können wir den 25km-Aufstieg bei akzeptablen Temperaturen zurücklegen. Die Steigung verläuft sehr angenehm und wir kommen erstaunlich zügig vorwärts. Anfänglich folgt die Strasse einem Gebirgsbach, später schlängelt sie sich entlang der begrünten Bergflanken hoch zur Passhöhe des Tram Ton Passes (2'001m.ü.M.). Wir umrunden den Fansipan – mit 3'143m.ü.M. Vietnams höchster Berg – zu unserer Rechten. Sämtliche Bergspitzen um uns herum sind in dichten Nebel gehüllt; doch einmal, für kurze Zeit, lichtet sich die Nebeldecke und wir können für einen Augenblick den hinkelsteinartigen Fansipan bestaunen. Auf der Passhöhe gibt's wieder mal was zu feiern: Höchster Punkt der bisherigen Reise erreicht, sowie 10'000km in den Waden. Wir feiern mit Birne und Erdnuss-Zucker-Powerriegel! Sapa (1'544 m.ü.M.) ist das Zermatt von Vietnam. Nationale und internationale Tourimassen, sowie Angehörige der Hilltribes, die versuchen ihre Handwerksprodukte abzusetzen. Es ist ein trauriges Bild, denn auch hier erhoffen sich die Angehörigen der Bergvölker ein besseres Leben von der Stadt und enden als verwahrloste Verlierer. Am 17.07.06 werden wir unser Südostasien-Abenteuer beenden und beim Grenzübergang Lao Cai - Hekou ins Land des roten Drachens einreisen. Vietnam verlassen wir mit gemischten Gefühlen: Die Bevölkerung ist uns mit ihrem rücksichtslosen und nervtötenden Verhalten garantiert nicht ans Herz gewachsen, aber wir haben eine reichhaltige Kultur und unvergessliche prächtige Landschaftsabschnitte kennengelernt. In den kommenden 3 Monaten beabsichtigen wir durch die Provinzen Yunnan, Sichuan und Guizhou zu radeln, bevor wir Anfangs Oktober Urs und evtl. Lukas in Guilin (NW von Hong Kong) treffen. Wir freuen uns riesig auf unseren Besuch und darauf, gemeinsam während eines Monats weitere Highlights Chinas kennenzulernen. Tourenstatistik:
Sabine & Roland, 16.07.2006 |
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| © pk&mk 15.08.2006 | |||