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Safari-SalamaReisebericht 9 vom 29.04. - 21.05.2006Pakse - Poipet - Siem Reap - Phnom Penh - Chau Doc |
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Pakse, unsere letzte Stadt in Laos, verlassen wir am frühen Morgen des 29. April 2006 westwärts Richtung Thailand. Weshalb wir uns für diese Route entschieden haben um nach Siem Reap/Kambodscha zu gelangen, erläuterten wir Euch im letzten Reisebericht. Es scheint ein weiser Entscheid zu sein, denn noch vor der Grenze kommen wir in ein starkes Gewitter – ein Vorbote des Monsuns. Gerade noch rechtzeitig mit etlichen Motorradfahrern finden wir vor den sintflutartigen Regenfällen in einer Reismühle Unterschlupf. Heftig prasselt der Regen auf das Wellblechdach, eine Konversation ist fast nicht möglich. Eine gute Stunde hält dieser Spuk an. Danach ist die Landschaft wie verwandelt. Die bisher ausgetrockneten Reisfelder sind jetzt geflutet und lassen die Landschaft darin spiegeln. Häuser stehen nun unter Wasser, sofern sie nicht auf Pfählen gebaut sind. Ein regelrechtes Quakkonzert ist von allen Richtungen zu vernehmen, denn in den Teichen tummeln sich Frösche. Und schon stehen die Leute mit ihren selbstgebastelten Netzen in den Tümpeln, um die Tiere zu fangen, welche am Abend als "flied flog" auf dem Tisch landen. Am laotisch-thailändischen Grenzübergang wird uns der wirtschaftliche Unterschied der beiden Länder unmissverständlich vor Augen geführt. Hier verabschiedet sich das arme Laos mit Bergen von Abfall und Staubplätzen überfüllt mit alten Fahrzeugen, während auf der anderen Seite der Grenze perfekte Asphaltstrassen warten und das neu erstellte futuristische Zollgebäude nur so vor sich hin protzt. Die überladenen traktorähnlichen Fahrzeuge werden von modernen Pickups abgelöst. Fast haben wir im chaotischen Menschengewirr die Zollgebäude übersehen und bereits thailändischen Boden betreten. Nun freuen wir uns wieder auf die Velostreifen der thailändischen Strassen. Um in Kambodscha und Südvietnam nicht völlig in die Monsunzeit zu kommen, entschliessen wir uns, die Ebene Ostthailands mit Bahn und Bus zu durchqueren. Von Ubon Ratchathani gelangen wir mit dem Zug nach Buri Ram. Da wir am selben Tag schon einige Kilometer geradelt und somit verschwitzt sind, machen wir uns auf dem Bahnhof-WC mit Wasserbecken und WC-Schlauch für die Zugreise frisch. Schliesslich wollen wir ja gepflegt reisen ;-). Von Buri Ram nehmen wir einen Bus nach Aranyaprathet. Die drei Tage in Thailand nützen wir richtiggehend aus, um ein letztes Mal die ausgezeichnete Thaiküche zu geniessen. Auch "Sticky-Rice mit Mangos an Cocoscreme" gibts noch am letzten Tag. Am 02. Mai 2006 radeln wir auf der zweispurigen Asphaltstrasse an die Grenze zu Kambodscha. Der Grenzübergang wird morgens erst um 07.30 Uhr geöffnet. Das Bild, das uns hier erwartet, erschlägt uns fast. Ein wahrer Exodus findet statt. Täglich ziehen 10'000 kambodschanische Pendler über die Grenze, um auf dem thailändischen Markt ihre Ware zu verkaufen. Mit ihren uralten und voll überladenen Schubkarren fallen sie wie eine Ameiseninvasion ins Nachbarland ein. Drei bis vier Meter breite Holzwagen gefüllt mit Riesensäcken werden von mehreren Männern und Frauen gezogen. Unter ihnen befinden sich auch viele Bein- oder Armamputierte. Die grosse Armut ist unübersehbar und rollt wie eine Lawine in Sekundenschnelle über uns hinweg. Noch einmal scheint die moderne Welt aufzublühen: bei den herausgeputzten Spielcasinos, welche für die spielsüchtigen Thailänder erstellt werden. Grösser könnte der Gegensatz nicht sein, denn die Casinos stehen nur wenige Meter von der Gosse entfernt, wo die Rikscha-Fahrer mit ihren handgezogenen Wagen warten. Wir bahnen uns unseren Weg durch die Menschen- und Warenmasse, um den Einreisestempel zu kriegen. Ein einheimischer Reiseführer informiert uns, dass die Strasse von hier, d.h. vom Grenzort Poipet, bis zum 50km enfernten Sisophon "very bad" sei. Das haben wir schon von anderen Bikern erfahren und uns darauf eingestellt. Die gut 100km von Sisophon nach Siem Reap seien aber eine "fuc... bad road", was wohl bei Einheimischen etwas heissen mag. Für viele Fernradler in Südostasien sei dies der schlimmste Strassenabschnitt ihrer Reise gewesen. Die Strasse wird von der Regierung absichtlich in miserablem Zustand gehalten, damit die Touristen von Bangkok nach Siem Reap fliegen, was natürlich dem kambodschanischen Staat mehr Geld einbringt. Dass damit aber das eigene Volk bestraft wird, scheint belanglos zu sein. Wir haben uns jedenfalls schon vorher auf Grund der Tips anderer Reisenden entschieden, von Sisophon aus südostwärts nach Battambang zu radeln und von dort aus mit dem Boot via Fluss und Tonle Sap-See nach Siem Reap zu gelangen. Auf diese Art können wir den schlimmsten Strassenabschnitt umgehen. Also los gehts, mal schauen was uns erwartet. Das anfängliche Flickwerk von Asphaltflächen geht bald in eine staubige Schotterstrasse über mit unzähligen Schlaglöchern. Die Unebenheiten sind so gross, dass eine richtige Kraterlandschaft entsteht. Mit dem Fahrrad kann man sich die beste Linie aussuchen, um so den spitzen Steinen und den Schlaglöchern nach Möglichkeit auszuweichen. Doch man tut gut daran, sich wenn immer möglich, an den rechten Strassenrand zu halten, denn wir sind beileibe nicht die einzigen Verkehrsteilnehmer. Und Verkehrsregeln existieren hier nicht, die werden von den Automobilisten selber erstellt. Man nimmt sich, der Grösse des Fahrzeuges entsprechend, das Recht, um sich auf der Strasse durchzusetzen. Dabei werden die ohrenbetäubenden Hupen ununterbrochen betätigt, um den schwächeren Verkehrsteilnehmer frühzeitig zu warnen, die "Fahrbahn" zu verlassen. Denn abgebremst wird nicht, lieber nochmals penetrant auf die Hupe gedrückt. Als Velofahrer sind wir somit ständig damit beschäftigt, die Lastwagen und Busse frühzeitig wahrzunehmen und uns an den Strassenrand zu drängen. Auf der löchrigen Strasse beanpruchen die Fahrzeuge die ganze Fahrbahnbreite, um ihren Weg zu bahnen und überholen absolut kriminell, sodass plötzlich drei Fahrzeuge nebeneinander vor einem auftauchen. Die Lastwagen preschen einfach über die Unebenheiten hinweg, sodass bald die ganze Luft mit Staub gefüllt ist. So kommen unsere Staubmasken zum ersten Mal zum Einsatz. Es ist eine richtiggehend abenteuerliche, wenn auch sehr unangenehme Fahrt. Dazu tragen bestimmt auch die einmal mehr unglaublich überfüllten Pickups, Busse und LKWs bei. Bis zu unvorstellbaren 4-5 Metern Höhe sind die Pickups mit Ware geladen. Manchmal ist aus der Ferne zuerst nur ein riesiger schaukelnder Plastikturm zu erkennen. Menschen werden hier wie Ware behandelt. Nicht nur die Dachflächen, sondern auch die Kühlerhauben sind von Passagieren belegt; unvorstellbar, wie sie sich auf der holprigen Strasse festhalten sollen. Dauernd auf den Verkehr konzentriert, können wir die Landschaft gar nicht richtig geniessen. Doch diese ist ohnehin nicht besonders abwechslungsreich, breitet sich doch eine weite Ebene vor uns auf. Kambodscha ist mit einem Suppenteller vergleichbar: völlig flach und nur entlang der Grenzen durch einen niedrigen Gebirgszug eingefasst. Die Behausungen der Bevölkerung sind absolut bescheiden. Einfachste aus Bambus geflochtene Hütten mit meist nur einen Raum bilden das Heim einer ganzen Familie. Strom ist auf dem Land selten vorhanden und Wasser wird aus trüben Teichen geschöpft. Es ist ein sehr erdrückendes Bild. Sisophon ist ziemlich heruntergekommen. Irgend ein Monument markiert die Hauptkreuzung des Ortes; die Fahrbahnen sind aufgebrochen – Schlaglöcher und Staub. Der Markt ist schäbig und wir kaufen uns ein paar Mangos, die am nächsten Morgen unser Frühstück hergeben werden. Von Sisophon nach Battambang ist die Strasse für hiesige Verhältnisse geradezu in perfektem Zustand, sodass wir wieder relativ zügig vorwärts kommen. Kambodscha erschüttert. Es ist wieder eines dieser Länder, in dem bei einem die Emotionen hochgehen. Zur Abwechslung gewähren wir Euch Einblick in unser Tagebuch. Der Eintrag schildert den Tag, an dem wir von Battambang nach Siem Reap unterwegs waren: Battambang - Tonle Sap - Siem Reap Um 6.30 Uhr radeln wir los zum "Busbahnhof", wo für die ca. 1-stündige Fahrt zur Fähranlegestelle ein Truck bereitstehen sollte. 20km Dirtroad gilt es während der Trockenzeit nordwärts zurückzulegen, bevor man das Boot besteigen kann, denn der Fluss, der durch Battambang fliesst, führt zur Zeit zu wenig Wasser. Als wir an der Haltestelle ankommen, steht ein Pick-up bereit – uns schwant bereits Böses und nachdem wir uns erkundigt haben steht fest, dass es sich nicht um einen Truck, sondern um diesen Pick-up handelt, der uns und zig Einheimische befördern wird. Da wir uns weigern, unsere Ware auf dieses Gefährt zu verladen, wird ein Angestellter unseres Hotels aufgeboten, denn sonst spricht niemand Englisch. Wir sind nicht einverstanden, dass wir pro Velo US$ 3.- für den Transport bezahlen sollen; unter diesen Umständen! Das Geld bekommen wir zwar zurück, aber eine Alternative zum Pick-up gibt es nicht; Taschen auf die Ladefläche, wo bereits gegen 20 Leute sitzen, einige Taschen werden auf die schon festgebundenen Säcke befestigt, die hinter dem Fahrzeug raushängen. Auf diese Taschen werden auch noch unsere Bikes geschnallt. Mit Argusaugen überwachen wir, dass auch nicht zu fest angezogen wird, damit nichts zerdrückt. Gegen 08.00 Uhr fahren wir los, mit uns auf der Ladefläche: zwei weitere Touris, ein Neugeborenes (ca. ein Tag alt), Kinder, Junge, Alte, Säcke, Taschen, Körbe und Bündel. Wieviel Wert hat hier ein Menschenleben? Wo ist die Würde? Die Fahrt führt während kurzer Zeit entlang von Hütten, stets auf schlechter Staubstrasse, bis sie übergeht in einen ausgewaschenen, teils matschigen Pfad von kaum einer Autobreite, sodass uns ständig die dornigen Gestrüppe streifen. Hin und wieder halten wir an, um zusätzliche Passagiere und noch mehr Ware – u.a. eine grosse Metallkiste – aufzuladen und unsere Räder sind längst vergraben. Die Fahrt ist schrecklich und vor allem in entlegenem Gebiet, wo der Schlammpfad durch nur teilweise kultivierte Fläche führt, und der Weg total ausgewaschen ist, haben wir Angst: Wenn bloss das Gefährt nicht kippt, oder wir einen Achsbruch erleiden oder eine andere komplizierte Panne haben... Wir dürfen nicht daran denken, wie stark Kambodscha nach wie vor vermint ist und wir verdrängen die Bilder der vielen amputierten Menschen aus dem Gedächtnis... Nach einer grauenvollen 3-stündigen Fahrt erreichen wir endlich einen Fluss und eine kleine Siedlung; einfach im Nichts! Sabine beginnt die Taschen über die provisorisch zusammengebundenen Bambusstangen, die einen Steg bilden sollten, zum Schiff zu schleppen, während Roland die Bikes ablädt. Doch, oh Schreck! Er traut seinen Augen kaum! Das Vorderrad seines Velos hat ein Riesen-8 und kann nicht mal mehr geschoben werden! Sicher wurde das Rad gequetscht als noch mehr Ware aufgebunden und mit Seilen festgezurrt wurde. Wir sind total wütend, was natürlich überhaupt nichts bringt, verlangen vom Pick-up Betreiber US$ 20.- Schadenersatz, welchen er uns natürlich auch nach langem Hin und Her nicht gewährt! Wir sind so verärgert, haben wir's beim Aufsteigen ja noch geahnt, dass das nicht gut gehen kann... hätten wir doch lieber die "fucking bad road" von Sisophon nach Siem Reap genommen... aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Für uns ist ab sofort klar, dass wir den öffentlichen Verkehr in solchen Ländern wirklich nur noch im alleräussersten Notfall benützen – und dann nach Möglichkeit den Zug. Zum Glück ist wenigstens der Holzkahn verhältnismässig bequem, denn wir brauchen weitere vier Stunden bis nach Siem Reap. Während der Fahrt startet Roland – direkt beim ohrenbetäubenden Schiffsmotor – erste "Zurechtbiege-Versuche" am Rad und erzielt dabei eine leichte Verbesserung. Im Hotel wird er in Ruhe weiterschauen, und so vertilgen wir zur Beruhigung erst mal einen Sack frische Lychees. Die Fahrt auf dem Fluss, der in den Tonle Sap-See mündet, ist bedrückend. Nachdenklich schauen wir aus unserem Holzkahn, wie die schwimmenden Dörfer und ihre Bewohner an uns vorbeiziehen – oder besser gesagt umgekehrt. Riesige labile Bambusgestelle – wie Kranarme – ragen aus dem Wasser. An ihnen hängen Fischernetze. Zerfetzte Hütten auf Bambusrohren schaukeln in den Wellen. Wasserhyazinthen, stellenweise so dicht, dass kein "Wasserweg" mehr erkennbar ist. Zwei bescheidene Holzboote hängen sich an unseren motorisierten Kahn, bis sie den Weg durch diesen Wasserdschungel hinter sich haben. Das Wasser ist braun, die Menschen baden darin, Waschen ihre Wäsche, entleeren sich, trinken davon. Man kippt die Abfälle hinein, holt daraus die Nahrung, wird davon krank und bewässert die Felder. Der Fluss ist hier alles, und wenn die Regenzeit heranbricht und das Wasser des Mekong in den Tonle Sap-Fluss drückt, sodass dieser – ein Naturphänomen – in die entgegengesetzte Richtung fliesst, so schwillt der Tonle Sap-See um das Zwei- bis Dreifache an. Unmengen an Fischen können dann aus den Netzen geholt werden... wie standhaft sind diese Hütten aus zerfetzten Blachen und zerrissenen Bambusflechtwänden, wenn der Monsun erst einmal so richtig loslegt? Manche Dörfer am Fluss haben eine Schule in Massivbauweise – gesponsert von UNICEF. Wir sind erschüttert, die Situation ist beschämend und bedrückend. Sind wir hier fehl am Platz? Während einer Stunde fahren wir über den Tonle Sap (=grosser See), auch er ist braun. Das Braun des Sees zusammen mit dem Blau des Himmels und dem Rot der Bootsvorhänge – könnte fast ein "Rothko" sein... Unser Boot legt an, an einer Anlegestelle, die von Staub und Steinblöcken umgeben ist; sonst ist da nichts. Rikschafahrer stürmen aufs Boot, wo nebst uns 4 Touris mittlerweile nur noch zwei Einheimische sitzen. Sie tragen unsere Taschen ans Ufer; Roland will sich selbst um die Velos kümmern. Da wir nun nicht selber ins 10km entfernte Siem Reap fahren können, heuern wir zwei Rikschafahrer an. Ohne Zwischenfälle erreichen wir die Stadt, wo wir nach längerem Suchen ein schönes Hotel finden. Hier werden wir sicher 4-5 Nächte bleiben und so ist es besonders wichtig, dass wir eine angenehme Unterkunft haben. Zum Abendessen gehen wir in eine nahegelegene Nudelsuppenbeiz, bestellen Suppe und zum Dessert ein Flan! Herrlich! Zurück im Hotel macht sich Roland nochmals daran, die Felge zurechtzubiegen und die Speiche wieder anzupassen. Es gelingt ihm gut, aber morgen wird er sicher noch bei einem Velomech vorbeigehen müssen. Morgen legen wir einen ruhigen Tag ein und freuen uns besonders auf den Abend, denn wir wollen ins Konzert von "Beatocello" (Dr. Beat Richner) gehen, der hier in Kambodscha 3 Spitäler unterhält und betreibt. Roland findet tatsächlich tags darauf einen Velomech – Bretterbude mit Staubboden – kann dessen Spezialwerkzeug und den Zentriersteander benützen und nach stundenlangem Speichen-Nachziehen ist sein Rad wieder fast wie neu. Ohne die Tempelanlagen von Ankor Wat wäre Siem Reap nichts. Heute ist es ein Schmelztiegel, wo der Tourismus boomt, Hilfswerke ihre Niederlassungen haben, NGOs (Nichtregierungsorganisationen) für ihre Projekte werben, wo es Hotels gibt, in denen man – sofern man das angebracht findet – für US$ 1'500.- pro Nacht übernachten kann, die aber an dieselbe miserabel funktionierende Kanalisation des städtischen Systems angeschlossen sind, wie die meisten anderen Häuser auch. Ausser ein paar wenigen asphaltierten Strassen besteht auch hier das Strassennetz vorwiegend aus ausgefahrenen Staubpisten. Es wimmelt von Bettlern – auf der ganzen Reise wurden wir noch nie so heftig und unaufhörlich angebettelt. Kinder, Mütter, Minenopfer. Leute mit grauenhaften Geschwüren im Gesicht – entstellt durch das Dioxin, welches Bestandteil des Entlaubungsmittels Agent Orange war, das wahrend des Vietnamkriegs von den USA eingesetzt wurde. Auch Kambodscha wurde nicht verschont; ein heimlicher Krieg der USA. Myanmar ist auch ein äusserst armes Land, aber dort wurde kaum gebettelt und auch in Laos nicht. Manchmal verlangen sie gleich US$ 5.-! Staatsangestellte verdienen in Kambodscha US$ 20.- im Monat. Kein Wunder werden Sie korrupt. Auch Ärzte sind Staatsangestellte – und auch sie sind, nach Angaben von Beat Richner (Beatocello), korrupt. Da wird man erst behandelt, wenn man genug "schmiert". Ärzte verkaufen Infusionslösungen auf dem Schwarzmarkt, füllen die leeren Beutel mit Wasser und nehmen somit den Tod eines Patienten in Kauf, im wahrsten Sinne des Wortes! In seinen 3 Kinderspitälern die lebensbedrohende Korruption auszurotten, war eines von B. Richners Hauptanliegen. Bloss nicht krank werden hier – bloss nicht! Während drei Tagen besuchen wir die Ruinen von Angkor Wat. Saftige US$ 40.- kostet diese 3-Tageskarte pro Person. Wir verlangen noch einen Plan, damit wir uns in den sehr weitläufigen Tempelanlagen besser zurechtfinden, denn unsere Karte ist ziemlich rudimentär. Oh, sorry, the maps are out of stock at the moment! Ach ja, wahrscheinlich soeben gerade in diesem Moment ausgegangen! Viel wahrscheinlicher ist es, dass die schon lange auf dem Trockenen sitzen und keiner den Finger aus dem A... nimmt und welche nachbestellt. Bei diesem "bescheidenen" Eintrittsgeld darf man doch wohl eine Karte erwarten! Es ist zum wahnsinnig werden hier! Wir schicken die uniformierte Billet-Lamineuse los, damit sie ein Exemplar auftreibt. Diese verdreht genervt und demotiviert die Augen und schlurpt los – verdammt, jetzt muss ich doch noch arbeiten heute... Nach einiger Zeit kommt sie mit leeren Händen zurück. Wir sind penetrant, schicken sie nochmals los, obwohl wir längst kapiert haben. Wieder kommt sie ohne Karte zurück. Sie solle mal ihren Chef informieren, dass der dringend welche nachbestellen soll, raten wir ihr. Ja, der Chef sei schon informiert, aber der mache halt nichts. Wird auch so ein Rumhänger sein, wie's hier viele gibt – dabei ist er nicht einmal Staatsangestelter, denn – und das erfahren wir auch erst später – die Ruinenanlagen sind in Privatbesitz der kambodschanischen Ölfira Sokimex. Somit ist klar, dass der Billet-Chef wahrscheinlich auch nicht viel mehr als US$ 20.-/Monat verdient und wohl kaum Geld in die Konservierung der Tempelanlagen fliesst! An zwei der drei Tage erkunden wir per Velo die Tempel in der weitläufigen Anlage. Am 3. Tag rollen wir per Rikscha durch die Gegend. Die Tempelanlagen wurden zwischen dem 9. und 13.Jh.n.Chr. errichtet, als das Khmer-Reich seinen Höhepunkt erreichte. Das Reich erstreckte sich von Südvietnam bis nach Yunnan (Südchina) und reichte bis zum Golf von Bengalen. Die Vielzahl der Tempelanlagen, welche allesamt aus Sandstein gebaut sind, ist darauf zurückzuführen, dass jeder König während seiner Herrschaft eine neue Stätte errichten liess. Die Tempel sind durch die sehr feinen Steinmetzarbeiten und die wunderbare Architektur kulturell von unschätzbarem Wert: feingliedrige Türme, Reliefs, gewaltige Steinköpfe, welche die Besucher beobachten. Im Laufe der Zeit hat sich die Natur ihren Platz zurückerobert: Bäume wachsen über die Mauern und verschlingen mit ihren kräftigen Wurzeln ganze Kultstätten. Via Kompong Kdey, Kompong Thom und Skun erreichen wir Phnom Penh, die Hauptstadt des Landes. Die Strasse ist in gutem Zustand, doch das Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer kriminell. Skun - Phnom Penh Nach unserem ausgiebigen Frühstück, bestehend aus gegrilltem Stickyrice gefüllt mit Bananen sowie Mango und Pomelo, starten wir gegen 06.00 Uhr. Es ist eher eine kürzere Etappe, aber eine der anstrengendsten bisher. Nicht etwa wegen den Höhenmetern, sondern des unglaublich nervenbelastenden und sehr gefährlichen Verkehrs wegen. [...] Der Verkehr nimmt, je mehr wir uns Phnom Penh nähern, zu, und die durch Knochen und Mark gehenden Laute der Hupen lassen uns jedesmal zusammenfahren. Hinzu kommt, dass der separate "Velostreifen" bereits nach 20km nicht mehr vorhanden ist. So sind wir dauernd angespannt und nur mit dem Verkehr beschäftigt. Die Landschaft und Dörfer gehen unbemerkt an uns vorbei. Ab und zu schliesst ein Fahrradfahrer zu uns auf oder ein Mofafahrer verlangsamt sein Tempo, damit sie mit ihrem beschränkten Englisch uns die zehn immer selben Fragen stellen können. Bei den ersten geben wir noch gelassen Antwort, doch nach dem fünften und sechsten bekommen wir die Fragerei langsam satt, denn unsere Antwort interessiert sie sowieso kaum. Auch heute begegnen wir wieder unzähligen vollbeladenen, ja meist auch verantwortungslos überladenen Pick-ups und Minibussen. [...] Eine Familie auf dem Fahrrad mit einem Kleinkind an der Infusion! Kurz vor Phnom Penh machen wir einen Zuckerrohrsaft-Stop und geniessen es, für eine Weile den Verkehr von aussen zu beobachten. Dies macht viel mehr Spass, als in der Masse mitzufahren. Man muss dies einfach erlebt haben, um es zu glauben. Mofas, vollbeladen mit lebenden, an den Füssen zusammengebundenen Hühnern, die kopfüber an der Lenkstange und auf dem Gepäckträger hängen, Mofas mit z.T. bis zu 3 ausgewachsenen, noch lebendigen Schweinen auf dem Gepäckträger, auf dem Rücken liegend und die Beine in die Luft streckend; manchmal hören wir ein Quieken. Oder Mofas mit langen zylinderförmigen Körben, gefüllt mit Ferkeln – allesamt auf dem Weg zum Markt. In Phnom Penh, das zu unserem Erstaunen ziemlich fortschrittlich und relativ sauber erscheint, finden wir ein neues und gut gelegenes Guest House. Die Fan-Zimmer sind leider in den oberen Stockwerken, sodass wir sämtliche Taschen in die 5. Etage tragen dürfen. Mit Ausruhen wird nicht viel, da die drückende Hitze im Zimmer sitzt. Draussen ist es sogar einiges angenehmer. Am Abend gehen wir in ein vornehmeres Restaurant abendessen. Das Restaurant ist ein Projekt, welches ehemaligen Strassenkindern ermöglicht einen Job auszuüben und in der Gesellschaft wieder einen Platz zu finden. Das schön angerichtete Essen – Pomelosalat mit gebratenen Crevetten und Fischcurry mit Reisnudeln, sowie caramelisierte Bananen mit Zimteis zum Dessert – schmeckt ausgezeichnet und die Bedienung ist sogar motiviert und zurückhaltend, was in Kambodscha überhaupt nicht selbstverständlich ist. Trotz Donner und Blitz regnet es nur kurz und wir kommen trockenen Fusses zurück ins Hotel. Wie den meisten von Euch bekannt sein wird, hat Kambodscha eine äusserst bewegte und beinahe unfassbare jüngere Geschichte hinter sich. Erst 1953 wurde das Land, nach 90-jähriger französischer Kolonialherrschaft, unabhängig. Ab 1969 war Kambodscha in den Vietnamkrieg verwickelt. Südvietnam und v.a. die USA starteten heimlich flächendeckende Bombenangriffe, weil sie dort – einmal mehr fälschlicherweise! – lauernde kommunistische Nordvietnamesen vermuteten. Durch diesen Einmarsch wurde es den Roten Khmer ermöglicht, an die Macht zu kommen. Bisher bildeten die vorwiegend in den gebirgigen Randregionen lebenden Untergrundkämpfer eine Minderheit. Im April 1975 – zwei Wochen vor dem Fall von Saigon an Nordvietnam – fiel Phnom Penh an die Roten Khmer. Das war das Ende des Vietnamkrieges – brisanterweise wird er hier Amerikakrieg genannt – und der Beginn der Schreckensherrschaft der Roten Khmer unter ihrem Anführer – einem Lehrer! – Pol Pot. Im Tuol Sleng Völkermord-Museum (S21 Prison) werden wir mit dieser tragischen jüngsten Vergangenheit Kambodschas konfrontiert. 2 Mio. Menschen – von ursprünglich 7 Mio. – vorwiegend Kambodschaner, aber auch Leute aus dem Westen, fielen den Roten Khmer zum Opfer, welche bis 1979 das Land beherrschten und mit brutalster Gewalt in einen kommunistischen, von Bauern dominierten Staat transformieren wollten. Im S21 Gefängnis – einer ehemaligen Schulanlage – wurden Menschen befragt, gefoltert und unter widerlichsten Bedingungen gefangen gehalten: Intellektuelle, Bauern, Staatsangestellte. Brillenträger zu sein, war Grund genug für eine Verhaftung. Z.T. wurden die Leute in Umerziehungs- und Arbeitscamps gebracht und mussten kollektive Arbeit auf den Reisfeldern verrichten. Sie wurden ausgehungert; in den killing fields wurden sie exekutiert. Schulen, Bibliotheken, Spitäler, Klöster und unzählige weitere staatliche und kulturelle Einrichtungen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Von ursprünglich 390 Ärzten im Land, überlebten deren 50. Ende 1978 fiel Vietnam in Kambodscha ein und stürzte die Roten Khmer, welche in der Folge in den Dschungel im Westen des Landes (Grenze zu Thailand) flüchteten. Der Bürgerkrieg dauerte bis in die 1980er Jahre – finanziert von China, Thailand und den USA. 1991 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, was zwei Jahre später Wahlen ermöglichte. Pol Pot starb 1998. Nach fast 20-jährigem Krieg, war das Land am Boden. Der Wiederaufbau geht nur sehr langsam voran und auch die Landminen stellen noch ein grosses Problem dar. Die Regierung ist korrupt, nimmt ihre Aufgaben nicht wahr und zieht es vor, wenn die anstehende Arbeit von ausländischen Hilfswerken erledigt wird. Medecins sans frontiers, World Food Programm, UNICEF, WHO,... alle sind unterwegs. Es sind alles grosse Organisationen, die mit der Regierung zusammenarbeiten müssen – wir fragen uns, wieviel Geld am Ende wirklich der Bevölkerung zugute kommt ... NGOs sind uns da schon einiges sympathischer. Wir verlassen Phnom Penh in südlicher Richtung und erreichen via Takeo die kambodschanisch-vietnamesische Grenze. Der Unterschied zum Grenzübergang mit Thailand könnte wohl kaum grosser sein: inmitten von saftig grün leuchtenden Reisfeldern stehen ein paar Bretterverschläge. Im einen Verschlag erhalten wir den Ausreisestempel. Auf vietnamesischer Seite sind die Bauten in Massivbauweise und im Quarantänezimmer müssen wir eine Quarantänegebühr entrichten; dabei wurden wir nicht mal medizinisch untersucht – willkommen in Vietnam, die Korruption geht weiter!!! Am 21. Mai radeln wir also in Vietnam ein, unser erster Übernachtungsort wird Chau Doc sein. Kambodscha hat uns belastet, ihr habt es sicher gemerkt, und der Bericht ist lange geworden. Umso mehr freuen wir uns deshalb auf Vietnam. Tourenstatistik:
Sabine & Roland, 29.05.2006 |
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| © pk&mk 07.06.2006 | |||