Safari-Salama

Reisebericht 6 vom 01.02. - 03.03.2006

Bangkok - Myanmar - Bangkok

Beim Meditieren Auf dem Markt in Aungban Buntes Treiben auf dem Vollmondmarkt Fischerboot auf Inle-Lake Schwertransport in Mandalay Noch lange nicht voll... Gokteik Eisenbahn-Viadukt Radfahren einmal anders Über 4'000 Pagoden in Bagan

So wie wir in Thailand ins Jahr 2048 versetzt wurden, begeben wir uns in Myanmar ins 19.Jh. Hier scheint die Zeit vor 200 Jahren stillgestanden zu sein. Dies können wir schon feststellen, als wir uns bei Dunkelheit im Anflug über Yangon (=Rangoon) befinden und uns die Stadt in schierer Finsternis empfängt. Strassenlampen sind kaum vorhanden, nur vereinzelte FL-Röhren hängen an den Fassaden. Die Bevölkerung behilft sich vielerorts mit Kerzen, was anfangs noch ganz romantisch aussieht. Wenn man aber im Laufe der Zeit den Ernst der Lage erkennt und erfährt, dass Knappheit an Energie herrscht, weil die Regierung gerade daran ist die Hauptstadt zu verlegen, so stimmt einen die ganze Situation sehr nachdenklich. Doch nun alles schön der Reihe nach.

Uns wird schnell bewusst, dass Myanmar nicht mit Thailand oder Malaysia vergleichbar ist. Erst nach langem Suchen findet der Taxifahrer das zu unserem Erstaunen sehr schöne und saubere Hotel in einer der dunklen Quartierstrassen. Susanne, vielen Dank für Deinen Tipp! Der Hotelangestellte kann uns einige Informationen zum Land geben und auch den Geldwechsel wickeln wir hier ab. Geldautomaten gibt es im ganzen Land keine und auf der Bank oder am Flughafen müssen wir mit Kursverlusten von bis zu 50% rechnen. Überall, wo der Staat, das heisst die Militärregierung, das Sagen hat, fliesst viel Geld in die Hände der korrupten Generäle. Negative Äusserungen über das Regime sind nur mit grösster Vorsicht zu machen, denn vielerorts lauern Staatsspitzel. Kritik an der Regierung kann mit bis zu 35 Jahren Gefängnis bestraft werden, während ein Mörder gerade mal mit schlappen 7 Jahren davonkommt.

Wir wollen uns aber nicht zu stark voreinnehmen lassen, sondern das Land und die Bevölkerung selber erleben, um aus eigener Erfahrung berichten zu können.

In Yangon, der "Noch-Hauptstadt" des ehemaligen Burma, kommen wir bereits an unserem ersten Tag mit dem Buddhismus, der "Nationalreligion", in Kontakt. Die Religion prägt das Leben der Burmesen, nebst den Vorschriften und der Unterdrückung durch das Regime, wohl am stärksten. Beim Besuch der Shwedagon Pagode (Pagode=Tempel), der weltweit heiligsten Stätte der Buddhisten, befinden wir uns inmitten der Pilger, die ihren Gebetsritualen nachgehen. Um die goldene Hauptstupa, welche sehr eindrücklich wie eine Riesenglocke dasteht, sind kreisförmig zahlreiche kleinere Tempel angeordnet. In und zwischen diesen Tempeln stehen unzählige Buddhafiguren in allen Grössen, die angebetet oder denen prallgefüllte Opferschalen dargereicht werden. Alles erstrahlt in Gold und vielfach werden die Figuren von den Gläubigen gar mit echtem Blattgold beklebt. Besonders im Licht der Morgensonne oder bei Sonnenuntergang, wenn alles goldgelb leuchtet, wird man von einer mystischen Stimmung eingefangen.

Auf dem sehr lebhaften Bogyoke-Markt lassen wir uns durch die Seiden- und Textilwarenabteilung treiben. Sabine kann bei dem riesigen Stoffangebot natürlich nicht widerstehen und deckt sich bald mit schönen Stoffen ein. Bei einer mitten in den Stoffbergen arbeitenden Schneiderin lässt sich Sabine zwei Oberteile und ein Kleid nähen, die nach unserer Rückkehr in gut drei Wochen fertig sein sollen. Für zwei Franken das Stück (und ca. vier Franken pro Stück inkl. Stoff!) arbeiten die Schneiderinnen hier so günstig wie nirgends in Südostasien. Weil wir mit der fertigen Arbeit sehr zufrieden waren, wollten wir auch ein Trinkgeld zurücklassen, was die Näherin aber partout nicht akzeptieren wollte...

Nach nur zwei Tagen in Yangon machen wir uns auf die Reise durch das "Goldene Land". Auf der 17-stündigen Busfahrt nach Kalaw nehmen wir zunehmend den sehr ärmlichen Lebensstandard der Bevölkerung wahr. Der technische Rückstand und die mangelhafte Infrastruktur sind unübersehbar und erschreckend. Während in Yangon die Strassen immerhin asphaltiert und, nebst kleineren Schlaglöchern, durchaus akzeptabel sind, ändert sich dies ausserhalb der Hauptstadt schlagartig. Wenn man die Landkarte betrachtet, könnte man doch meinen, dass die Hauptverbindung zwischen Yangon und der nördlichen Grossstadt Mandalay doch überwiegend in gutem Zustand sein müsste. Dem ist aber nicht so, denn Schlagloch reiht sich an Schlagloch und manchmal ist die Strasse so schmal, dass ein Kreuzen nur mit halbem Verlassen der Fahrbahn möglich ist. Entlang der Strasse stehen einfachste Stroh- und Holzhütten. Als Lichtquelle flackern wieder Kerzen und kleine Feuerstellen geben in der kalten Nacht ein wenig Wärme ab. Wir hätten nicht gedacht, dass in diesem Land eine derartige Armut herrscht.

Roland erinnert sich oft an seine Zeit in Indien. Nur waren dort in jeder Situation noch zehnmal mehr Leute und vor allem Schaulustige präsent. Die Transportmittel beschränken sich hier auf die zahlreichen klapprigen Fahrräder, unglaublich überladene Lastwagen, welche vom Modell her bei uns in der Kriegszeit unterwegs waren, Busse und vereinzelte Autos, welche meistens als Taxi dienen. Die Busse oder Pick-ups sind hier nicht voll, wenn der letzte Sitzplatz besetzt ist, sondern wenn der Gang zum Bersten vollgestopft ist und sämtliche Metallstangen an der Fahrzeugaussenseite unter sich festklammernden Händen verschwinden. Natürlich zählt bei den Pick-ups auch das Dach als Tummelplatz. So fasst ein solches Gefährt schnell einmal 40(!) Personen, wo bei uns höchstens 12 Passagiere zugelassen wären!

Wenn wir so an diesem lebhaften Geschehen vorbeifahren, denken wir oft daran, wie schön es doch gewesen wäre, wenn wir dies mit dem Fahrrad hätten erleben können. Einfach nach Lust und Laune anhalten, zuschauen und staunen zu können. Jetzt geht alles so schnell! Ziehen wir jedoch in Betracht, wie rücksichtslos die Bus- und LKW-Chauffeure fahren und die Velofahrer hupend von der Fahrbahn drängen, so ist für uns klar, dass wir richtig entschieden haben. Spätestens als der Bus bei Dunkelheit auf die Strasse nach Taunggyi einbiegt, sind wir froh, dass wir unsere Stahlesel in Bangkok zurückgelassen haben. Taunggyi ist immerhin ein Provinzhauptort, aber was uns hier als Strasse erwartet, ist das Übelste, was wir je erlebt haben. Die Fahrbahn verjüngt sich auf eine Breite von 3m und besteht mehrheitlich aus "Loch". Kilometerlang werden wir noch stärker als sonst durchgeschüttelt und ans Schlafen ist trotz nächtlicher Stunde natürlich nicht zu denken. Bald müssen wir sogar feststellen, dass die letzten Asphaltresten gänzlich verschwunden und einer Staubpiste gewichen sind, die sich serpentinenartig den Berg hochschlängelt und mit einer Kiesgrubenerschliessung vergleichbar ist.

Total erschöpft erreichen wir um 04.30 Uhr das Bergstädtchen Kalaw, welches den Engländern während ihrer Kolonialzeit im 18./19.Jh. als "erfrischendes Bergerholungsgebiet" diente. Wir befinden uns auf 1'370m.ü.M. Es ist empfindlich kalt und wir frieren in unseren Shorts und Teva-Sandalen. Schnell finden wir ein Hotel und holen den verpassten Schlaf nach.

Noch am selben Tag besuchen wir im benachbarten Aungban den lokalen Markt. In einem prallvollen Pick-up erreichen wir das Dorf. Auf der Rückfahrt findet Roland nur noch hängend auf der auskragenden Ladefläche Platz, während sich Sabine zusammen mit den anderen Frauen und ihren Einkäufen auf die Mini-Holzbänke quetscht. Im Buddhismus gilt angeblich der Kopf, als oberster Körperteil als heilig, während die Füsse als unwürdig angesehen werden. Deshalb darf eine Frau – was Sabine natürlich sehr bedauert – niemals aufs Dach steigen. Offensichtlich stört sich "die buddhistische Frau" nicht daran, wenn die unwürdigen Männerfüsse über ihrem Haupt thronen ...

Auf dem Markt eröffnet sich uns einmal mehr ein Bild voller Lebhaftigkeit und geschäftigem Treiben. Magere Pferde sind unterwegs, die wacklige zweirädrige Kutschen hinter sich herziehen. Aus allen Dörfern der Umgebung strömen die traditionell gekleideten Frauen herbei. Anhand der Umhänge und der farbigen Tücher, die sie turbanartig um den Kopf gewickelt haben, lässt sich ihre Stammeszugehörigkeit erkennen. Uns fallen besonders die Marktfrauen mit den schwarzen Kleidern und den in der Sonne kräftig orange leuchtenden Kopftüchern auf. Sie gehören zum Bergvolk der Palaung und wir werden ihnen später auf unserer Trekking-Tour nochmals begegnen. In riesigen flachen aus Bambus geflochtenen Körben und Schalen werden Avocados, Knoblauch, Kräuter, Trauben und vieles uns Unbekanntes angeboten.

Von Kalaw brechen wir zu einer dreitägigen Wanderung zum Inle-Lake auf. Da es hier natürlich keine ausgeschilderten Wege gibt und die Angehörigen der Hilltribes (Bergvölker) kein Englisch sprechen, entscheiden wir uns mit einer geführten Gruppe loszuziehen. Eine Chinesin, eine Touristin aus Singapur, sowie ein Paar aus Montreal, begleiten uns. Es ist wohl die beste Art, den Bergvölkern näher zu kommen und etwas über ihre Kultur und Lebensweise zu erfahren. Noch hat der Tourismus diese Gegend und die Bevölkerung nicht verdorben, aber bei uns schleicht sich immer wieder dieses ungute Gefühl des "Voyeurismus" ein... Wir passieren staubige und z.T. auch üppiger bewachsene Hügellandschaften, sowie terrassenartig angelegte Reisfelder. Wie eine Gletscherzunge windet sich diese Kulturlandschaft zwischen den Hügeln ins Tal hinunter. Da momentan Trockenzeit herrscht, sind die Reisfelder braun; nur vereinzelte Knoblauchfelder leuchten in saftigem Grün. Einziges Transportmittel auf den ausgewaschenen und in der Regenzeit völlig unpassierbaren Staubwegen ist der Ochsenkarren. Wir erleben, wie mühsam die Arbeitstiere grosse Lasten über scheinbar unüberwindbare Wege und Hindernisse ziehen. Die Leute führen ein beschwerliches und entbehrungsreiches Leben. Auf den Feldern wird, von der Ansaat bis zur Ernte, alles von Hand erledigt. Die Äcker werden mit dem Holzpflug bestellt; manchmal hilft ein Wasserbüffel oder ein Ochse. Als Behausungen dienen sehr bescheidene Holzhütten mit Ausfachungen aus Bambusgeflecht. Strom und fliessendes Wasser gibt es hier nicht. Wasser zum Waschen und Kochen muss am Brunnen oder am Bach geholt und nach Hause geschleppt werden. Auch Kinder müssen hier sehr früh mit anpacken.

Die erste Nacht übernachten wir im Bambushaus einer Familie – natürlich auf dem Holzboden und ohne Matratze. Nur ein paar Wolldecken bilden die Unterlage und halten uns die Kälte vom Leib. Das Haus ist auf Stelzen gebaut und so übernachten unter uns ein paar Wasserbüffel.

Die zweite Nacht verbringen wir in einem Kloster. Auch hier tun wir es den Mönchen und Novizen gleich und übernachten auf dem Fussboden. Am Morgen werden wir um 06.00 sanft vom Gesang der Novizen geweckt – also eigentlich sind wir schon früher erwacht, denn die Jungs haben vor dem Gebet heftig getuschelt und gekichert ... Klar, wenn die beiden "Obermönche" für zwei Tage unterwegs sind, um in den Dörfern weitere Novizen für den Aufenthalt im Kloster vorzubereiten (Köpfe kahl schoren, weitere Rituale) ... Ist die Katze aus dem Haus, so tanzen die Mäuse... Wir waren trotzdem beeindruckt, mit welcher Disziplin die Knirpse ihre Gebete und anderen Rituale selbstständig abgehalten haben ... hinknien und losbrabbeln... Bei uns würden ja die Kids alles andere machen, bloss nicht beten ;-). Nach dem Gebet machen sich die jungen Mönche mit ihren schönen lackierten Bambusschalen auf den Weg, um von den Dorfbewohnern Almosen in Form von Essen entgegenzunehmen. Bis um 12.00 müssen sie gegessen haben, danach gibts nichts mehr bis zum nächsten Morgen. Von jedem Jungen im Alter von 5-15 Jahren wird erwartet, dass er einmal für 7 Tage ins Kloster geht. Haben die Kleinen Heimweh, dürfen sie manchmal auch schon nach 3 oder 4 Tagen nach Hause. Nicht wenige entscheiden sich aber, gleich das ganze Leben im Kloster zu verbringen.

Im einen Dorf können wir eine Primarschule besuchen. Es gibt ein einziges Schulzimmer und das ist sehr spartanisch eingerichtet: Einige einfache Holzbänke und Tische, sowie eine Wandtafel mit Kreidestummeln. Lehrbücher und Schulhefte sind eine Rarität. Natürlich herrscht im Dorf und auch in der Schule jedesmal grosse Aufregung, wenn hier Fremde erscheinen. Über die Farbstifte, Kugelschreiber und Bilderbücher, die wir der Lehrerin abgeben, freuen sich die Kinder riesig, während die Frauen gerne die Shampoomüsterli und Seifen entgegennehmen. Bei aller Bescheidenheit scheinen die Leute doch zufrieden zu sein, was uns stark beeindruckt.

Nach drei Tagen wandern erreichen wir den Inle-See, welcher auf knapp 900m.ü.M. liegt. Um den 22km langen See leben rund 70'000 Menschen unterschiedlicher Volksgruppen: Shan, Intha, Taungthu, Burmesen ... Die Dorfbewohner leben grösstenteils von der Landwirtschaft. Es wird eine Vielfalt an Blumen, Gemüse und Früchten angepflanzt. Mehrheitlich wird auf schwimmenden Inseln kultiviert, wo Marschland, Erde und Wasserhyazinthen zu einer sehr fruchtbaren Masse verdichtet werden. Damit dieser Untergrund nicht davonschwimmt, werden in regelmässigen Abständen Bambusstämme in den Seegrund gerammt. Zwischen diesen Inseln ist ein Netzwerk von Kanälen entstanden, welches zur Erschliessung der Pfahlbaudörfer dient. Nutzwasser wird vom Seegrund hochgepumpt, während Strom nur in wenigen Häusern vorhanden ist.

Nebst Landwirtschaft wird natürlich auch Fischfang betrieben. Als Boote dienen Einbäume und die Männer haben eine spezielle Rudertechnik entwickelt: Das Beinrudern. Damit sie beim Fischen die Hände frei haben, rudern sie stehend mit einem Bein. Diese Technik ermöglicht zudem einen besseren Blick über das Kanalsystem.

Auf alten Webstühlen weben Frauen Longyis – diesen allgegenwärtigen Wickeljupe, welcher sowohl von Frauen, als auch von Männern getragen wird –, Taschen und Schals. Dabei verarbeiten sie Rohseide aus China und Fasern von Lotusblüten. Die Gewinnung von Lotusblütenfasern ist äusserst aufwändig, müssen doch die Stiele von Hand gebrochen und die wenigen Fasern zu einem dünnen Faden gerollt werden. Wir sind immer wieder erstaunt, mit welchen einfachen Mitteln und welcher Ruhe und Ausdauer hier in mühsamer Arbeit produziert wird.

Vom Inle-See führt unsere Reise wieder in die Ebene hinunter und weiter nordwärts nach Mandalay. Wir haben keine Wahl und müssen die gleiche Strasse nehmen, die wir in nicht allzu bester Erinnerung haben. Dasselbe Geholper und dieselbe Staubpiste noch einmal!!! Doch wer da denkt, dass es eine Wiederholung gibt, hat sich getäuscht: Morgens um 05.00 warten wir zu viert im Dunkeln an der Strassenkreuzung auf unsern Bus, denn während den nächsten zwei Wochen werden wir mit Genevieve und Christian, dem kanadischen Paar, unterwegs sein. Nach Dreiviertelstunden rattert der Bus endlich an, doch ist es nicht ein Reisebus, wie wir angenommen haben, sondern ein uralter Minibus: halb so lang, halb so breit, aber – man staune – mit etwa gleich vielen Sitzplätzen! Doch, doch, das geht schon und zu murren gibts erst recht nichts, denn es gibt keine Alternative! Knapp 35cm breite Sitze, einen Gang findet man nur mit grösster Anstrengung und die Sitzabstände sind auf ein Mass geschrumpft, welches es Sabine kaum erlaubt, ihre kurzen Beine (...wer hat wohl diesen Bericht geschrieben, he?...) dazwischen zu quetschen. Roland beschlagnahmt den grosszügigen Gang und den Bereich der Türe, damit er seine Beine nicht zehn Stunden lang in Kauerstellung halten muss. Dabei dient das profillose Ersatzrad, über das alle Passagiere beim Einsteigen klettern müssen, als komfortable Fussstütze. Na gut, immerhin haben wir Sitzplätze und haben uns auf den ersten 6-stündigen Horrorabschnitt über ca. 80km mental eingestellt. Dass aber dieser Minibus kaum gefedert ist, überrascht uns doch ein bisschen. Was uns nun die nächsten Stunden erwartet, übertrifft alles bisher Erlebte. Da können nicht einmal die übelsten Busfahrten in Indien mithalten. Wir können uns kaum verständigen, nicht nur weil bis zum Kieferknochen unsere sämtlichen Glieder und Gelenke durchgeschüttelt werden, sondern weil alles, was nicht festgeschweisst ist, einen Beitrag zum Klapperkonzert liefert. Besonders die losen Schiebefenster scheinen dabei in Fortissimo alles übertönen zu wollen. Doch was will man machen ... und so finden wir an der ganzen Situation wohl oder übel bald Gefallen.

Was uns zudem viel mehr beschäftigt und bedrückt sind die Frauen und Kinder, welche entlang der staubigen Strasse und in brütender Hitze mit Riesen-Hämmern Steine zerkleinern, um die Strasse zu reparieren. Parallel dazu schlagen Männer mit Brecheisen Felsblöcke vom Fels. Sind die Steine mühsam in die richtige Grösse zerhämmert, werden sie sortiert und auf die bituminöse Unterlage gestreut. Das Flachwalzen erledigen die vorbeifahrenden Busse und LKWs. Das Resultat kann man sich gut vorstellen. Nein, nein, es ist nicht so, dass keine Baumaschinen – uralte zwar – vorhanden wären, aber diese werden nur für jene wenigen Strassen eingesetzt, die durch die Regierung unterhalten werden. "Unsere" Strasse jedoch führt in die Berge, erschliesst das Hinterland und liegt ausserhalb des Hauptverkehrsnetzes. Die Anwohner sind somit selbst für den Unterhalt verantwortlich.

Myanmar wird seit 1960 (1948: Unabhängigkeit von England, 1948-60 Demokratie) von einem eisernen und brutalen Militärregime regiert. Sämtliche Opposition wird im Keim erstickt, indem die Leute Hausarrest bekommen und überwacht werden – etwa so wie die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, welche sich für Demokratie einsetzte, im Jahr 1990 sogar – und entgegen der Erwartungen des Regimes! – die Wahlen gewonnen hat, und dies mit Haft bezahlen musste. Derzeit steht sie noch immer unter Hausarrest. Andere wiederum werden inhaftiert und zu Zwangsarbeit in Form von Strassenbau in entlegene Gebiete im Norden des Landes verpflichtet. Als sich 1988 das Volk aufraffte, um gegen die inkompetente und arrogante Regierung zu demonstrieren, wurde die Demokratiebewegung brutal mit Militärgewalt niedergeschlagen. Über 3'000 Menschen bezahlten mit ihrem Leben. Seither ist Kritik an der Regierung streng verboten. Dies mussten auch die inzwischen weltbekannten Komiker "Moustache Brothers" am eigenen Leib erfahren: Für ihre regimekritischen Äusserungen in ihren Shows wurden zwei der drei Brüder für 7 Jahre ins Gefängnis gesteckt und mussten Zwangsarbeit verrichten. Wir besuchen in Mandalay ihre Darbietung, welche sie täglich unter Bespitzelung (Videokameras) durch den Staat aufführen. Da sie lebenslangen Hausarrest haben, finden die Shows bei ihnen zu Hause statt. Nur Dank ihrer Bekanntheit und internationalem Druck dürfen sie weiterhin die Komikshows aufführen, doch sind die Aufführungen ausschliesslich für Touristen, da den Einheimischen der Besuch nicht erlaubt ist.

Doch die Unterdrückung der Bevölkerung beschränkt sich nicht nur auf die Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern ist immer wieder im Alltagsleben spürbar. So muss an den zahlreichen Militär-Checkpoints Strassenzoll bezahlt werden, Treibstoff ist auf eine tägliche Ration von 7 Liter pro Fahrzeug beschränkt, andernfalls muss man sich auf dem "staatlich kontrollierten" Schwarzmarkt behelfen, natürlich für teures Geld. So heisst es oft, heute ist die Fahrt teurer, da der Benzinpreis hoch ist. Auch der Strom wird limitiert, indem nur zu gewissen Zeiten Elektrizität vorhanden ist. In Städten und besseren Hotels behilft man sich mit den ohrenbetäubenden Generatoren, welche, einer Reception ähnlich, einem gleich beim Eingang empfangen. So fragt man nicht danach, woraus das Frühstück besteht, sondern ob Strom und Warmwasser vorhanden ist und zu welchen Zeiten. Ansonsten steht man im Dunkeln unter einer kalten Dusche. Ja, hier beschäftigen uns andere Dinge als zu Hause. Das Traurige aber ist, dass es der Bevölkerung viel besser ergehen könnte, wäre da nicht diese korrupte Militärregierung, welche mit neuesten Autos und modernen Häusern ausgestattet ist und ihre Freizeit beim Golfspielen verbringt. Das marode Land wäre reich an Bodenschätzen: Es gibt Erdöl- und Erdgasvorkommen und die Edelsteine – Rubine, Saphire und Jade – sind angeblich von bester Qualität. Auch gibt es hier grosse Gold-, Silber- und Zinnvorkommen. Der einst weltweit grösste Reisexporteur kann infolge Misswirtschaft nicht einmal mehr die eigene Bevölkerung ernähren. Glücklicherweise haben wir aber nie hungernde Menschen gesehen. Wie wir anfangs schon angetönt haben, ist das Regime seit Anfang 2006 sogar daran, die Hauptstadt nach Pyinmana – 500km nördlich von Yangon – zu verlegen. Angeblich wurde 2005 bekannt, dass in Yangon von einem Motorrad aus ein Mordanschlag auf den führenden General verübt werden sollte – seither sind in der "Noch-Hauptstadt" alle Mofas verboten. Den Touristen wird es in Zukunft nicht mehr gestattet sein, in Pyinmana zu stoppen. Sie könnten ja zu viel erfahren und die Information ausser Landes bringen.

Wir sind immer noch im Zwiespalt, ob es richtig ist, dieses Land zu bereisen. Wenn wir die Einwohner fragen, so ist der Fall klar: Sie sind froh um die Informationen, die sie auf diese Art von "ausserhalb" erhalten, denn sämtliche Medien werden durch den Staat kontrolliert, das Internet ist nur beschränkt zugänglich und der Besitz eines Telefons oder Faxgerätes muss registriert sein. Da wir soweit als möglich staatliche Hotels, Läden und Busunternehmen meiden, geben wir den Einheimischen immerhin die Möglichkeit zu etwas Geld zu kommen. Oft sind wir mit privaten Pick-ups unterwegs, essen in einfachen Nudel- und Currybeizen und kaufen viel auf den Märkten ein.

In Mandalay bleiben wir nur zwei Nächte, da wir nach unserem Ausflug nach Hsipaw sowieso wieder hierhin zurückkehren müssen und dann noch Zeit genug haben, um die Stadt zu besichtigen. Da wir eine neue Herausforderung suchen, nehmen wir den Pick-up nach Pyin U Lwin, einem Bergort, der während der englischen Kolonialzeit entstand und den Engländern als Rückzugsort diente, wo sie sich von ihren Einsätzen im Kaschmir erholen konnten. Während Sabine und Genevieve auf der Holzbank Platz nehmen, beschlagnahmen Roland und Christian die hintersten Sitze, welche auf der ausklappbaren Ladefläche angebracht sind. Dies ermöglicht ein aufrechtes Sitzen und eine 180 Grad-Aussicht. Der Pick-up füllt sich mehr und mehr und fährt erst los, als auch die Bodenplätze besetzt sind. Wir geniessen die rasante Fahrt und legen nur einen Halt ein, sobald wir die Höhe erreicht haben. Es stellt sich heraus, dass dies ein obligater Stopp für alle Fahrzeuge ist, um den Kühler abzukühlen. In Reih und Glied stehen die Fahrzeuge mit offener Kühlerhaube und einem Gartenschlauch, welcher Wasser über den Kühler laufen lässt. Pyin U Lwin ist vom Klima her angenehmer als das Tiefland. Mit den vereinzelten Kolonialbauten und Pferdekutschen aus englischer Zeit strahlt es eine entspannende Atmosphäre aus.

Die Fahrt nach Hsipaw legen wir mit dem Zug zurück, denn auf halbem Weg passieren wir das atemberaubende Gokteik-Viadukt. Wie das gesamte Eisenbahnnetz wurde auch dieses Viadukt während der englischen Kolonialzeit errichtet. Es galt dazumal als grösste Herausforderung des Brückenbaus. Als zweithöchste Brücke jener Zeit überspannt das ca. einen Kilometer lange Viadukt die tiefe Gokteik-Schlucht. Da die Brücke ein wichtiger Verbindungsweg ist, der den Nordosten Myanmars erschliesst, wurde das Gebiet um das Viadukt von der Armee vermint, um vor Rebellenanschlägen zu schützen. Wie alle strategisch wichtigen Einrichtungen, ist es anscheinend verboten die Brücke zu fotografieren. Doch so genau wird es nicht immer genommen. Wir können jedenfalls vor der Mahnung bereits einige Fotos knipsen. Die Zugfahrt ist sehr gemütlich, tuckert die Diesellok doch mit nur 10-15km/h durch die trockene Berglandschaft. Zwischendurch legt die Lokomotive einen Spurt ein und erreicht so maximale Geschwindigkeiten von 30 km/h! Doch mehr liegt bei dieser Präzision von Gleisverlegung nicht drin, was wir insbesondere auf unserer Rückfahrt zu spüren bekommen. Anscheinend haben wir es mit noch älteren Wagen zu tun. Nicht einmal lesen können wir, so schwankt die Komposition hin und her und auf und ab. Wir hoffen nur, dass die Wagen nicht aus den Gleisen springen. Der steilste Abschnitt überwindet die Bahn, indem sie im Zickzack hin und her fährt und immer wieder anhält, damit die Weichen gestellt werden können. Dazu steigt der Ersatzlokführer, welcher ansonsten auf dem hinteren Führerstand schläft, persönlich aus. Dass dies eine Weile dauert und die sonst schon sehr langsame Fahrt erheblich verlängert, ist naheliegend, scheint aber die Einheimischen nicht aus ihrer Ruhe zu bringen. Sie kauern, wie oft am Strassenrand, auf den Holzbänken der Abteils und ziehen, wenn sie nicht gerade am Ködern und Betelnuss ausspucken sind, stark an ihren stinkenden Cheroots, den burmesischen Zigarren. Die uns vertraute Hygiene lässt in Myanmar sehr zu wünschen übrig. Einfach versuchen es zu überhören oder übersehen heisst unsere Devise. Doch wenn man 12 Stunden im schäbigen und überfüllten Zug sitzt, ist dies nicht immer möglich.

Zurück in Mandalay quartieren wir uns wieder im selben Hotel ein, wie schon vor einigen Tagen. Einen ganzen Tag lang lassen wir das äusserst lebhafte Treiben des riesigen Zeigyo-Marktes auf uns wirken. Morgens früh wird die Ware in riesigen Jutesäcken von alten, mit Rostflecken übersäten LKWs, Velo-Rikschas und Handwagen angeliefert. Oft muss man den Weg zwischen dem Gewirr suchen – stets auf den Untergrund konzentriert, denn Löcher, Unebenheiten und fehlende Kanaldeckel sind allgegenwärtig. Nur schon der Gedanke, in einen mit pechschwarzer Kloake und Abfall gefüllten Kanal zu fallen, lässt unseren Blick kaum vom Boden abschweifen. Eine ungeheure Menge von Geschehnissen ist in kürzester Zeit und auf kleinstem Raum zu erleben: Hier eine Marktfrau, welche zwischen den Gemüsebergen kaum noch auffindbar ist, dort ein äusserst appetitlicher Fleischberg mit Hühnerbeinen, Schweineinnereien und gebratenen Kücken, welcher mit einem staubigen Wedel von Fliegen befreit wird, wenn nicht gerade die schmutzigen Hände der Kundschaft darin nach einer Leckerei wühlen. In der Chiliabteilung müssen sogar die Verkäuferinnen wegen der in der Luft liegenden Schärfe niessen. Wassermelonen werden aufgetürmt, undefinierbare Süssigkeiten in Form von geleeartigen Massen präsentiert, die alles andere als das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Dazwischen quetscht sich ein 1m hoher Eierstapel, aufgebunden auf den Packträger eines Drahtesels. Im überdeckten Betonbau geht es ein wenig gesitteter zu und her. Hier besitzt jeder Händler einen zugewiesenen Holzstand, der nachts sogar abgeschlossen werden kann. Stapelweise Stoffe, Longyis und Medikamente – und alles bei "hitzigen" Temperaturen. Über die Lagerbedingungen von Pharmaprodukten stehen nicht nur Pharmaexperten die Haare zu Berge. Wieviel hier legal und als echte Medikamente angeboten wird, steht in den Sternen geschrieben. Von der Ausbildung und fachmännischen Beratung des Verkaufspersonal ist ganz zu schweigen. Zum Glück sind wir gesund, abgesehen vom Durchfall und Erbrechen, das bei Sabine sporadisch auftritt. Aber auf das Eis konnten wir, seit langem wieder einmal, nicht verzichten... Selber Schuld, wirklich! Dann kommen die asiatischen Badezimmer, wo alles ausgeplättelt ist und in einer Ecke ein Loch als Ablauf in der Wand sitzt, sehr zur Hilfe. Mit dem Schlauch wird alles hinuntergespühlt. Aber glücklicherweise ist dies die Ausnahme. Wir sind jedoch erstaunt nicht mehr Magenbeschwerden zu haben bei der vorherrschenden Hygiene: Fliegen im öligen Spiegelei, die Knochen eines halben Huhns in den ausdrücklich verlangten Gemüsenudeln, Würmer in den Auberginen und Ungeziefer und Haare in den Suppen dürfen wir alles erleben. Doch China wartet noch auf uns...

Nun steht eigentlich nur noch unsere letzte Station in Myanmar bevor, bevor es zurück nach Yangon geht. Bagan mit den über 4'000 Pagoden und ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen, zählt bestimmt zum Höhepunkt einer Myanmarreise. Mit dem staatlichen Boot geht es auf einer 11-stündigen Fahrt den breiten Ayeyarwaddy-Fluss hinunter bis nach Bagan. Auf einem Tagesausflug zu Fuss besichtigen wir einige der unzähligen Pagoden, welche zwischen 950 und 1150 n.Chr. erbaut wurden und über eine weite Ebene verstreut stehen. Beim Erdbeben von 1975 wurden einige der Stupas in arge Mitleidenschaft gezogen, in der Zwischenzeit aber wieder meist restauriert. Einen besonders surrealen Charakter erhält die Anlage im rötlichen Sonnenlicht der Abenddämmerung.

Mit etwas mehr Gepäck als bei der Einreise, erreichen wir mit dem Nachtbus bald wieder Yangon. Gesättigt von den tausenden von Pagoden, Stupas, Tempeln und Klöster, verbringen wir die restlichen drei Tage erholend in Yangon. Anstatt einen Ausflug nach Bago oder dem heiligen goldenen Felsen schlendern wir durch das lebendige Stadtzentrum und holen Sabines massgeschneiderte Kleidungsstücke ab, welche beachtenswert gut herausgekommen sind.

Mit der Myanmar Airways lassen wir uns am 03. März 2006 wieder nach Bangkok zurückfliegen, wo unsere Drahtesel ungeduldig auf uns warten, um mit uns den Norden Thailands zu bereisen.

Tourenstatistik:
  • Anzahl Reisetage:
  • Anzahl Velotage:
  • Total Velodistanz:
    Davon nicht asphaltiert:
  • Total gefahrene Höhenmeter:
  • Total reine Fahrzeit:
189
92
5'126km
93km
35'978m
344h 47min

Zu den Fotos...

Sabine & Roland, 03.03.2006

© pk&mk 09.03.2006