Veloreise Australien

Reisebericht vom 23.12.2007 - 24.01.2008

Zürich - Sydney: 4 Wochen auf dem Frachtschiff 'Adelaide Express'

Adelaide Express voll beladen Spanferkel an Silvester unsere Spuren im Meer Selbstportrait

Route:
Zürich (CH) - La Spezia (I) - Strasse von Messina - Suez Kanal - Rotes Meer - Fremantle (AUS) - Melbourne - Sydney

deutsch:
Die Arbeiten im Geschäft sind abgeschlossen, die Wohnung gereinigt & untervermietet, alle notwendigen Vorbereitungen getroffen: Am 23.12.2007 verlassen wir die Schweiz & starten in unser 7-monatiges Veloabenteuer! Per Zug fahren wir von Zürich nach La Spezia (I), wo wir auf die 'Adelaide Express' umsteigen, ein Frachtschiff, welches uns in 26 Tagen via Suez Kanal, Fremantle & Melbourne nach Sydney bringt.

english:
The work is finished, the flat cleaned & subleased, all necessary preparations managed: We leave Switzerland at 23.12.2007 and start our 7-months bicycle adventure! By train we drive from Zurich to La Spezia (I), where we wait to embark the 'Adelaide Express', a freighter ship which brings us in 26 days via Suez Canal, Fremantle & Melbourne to Sydney.

Endlich ist es soweit! Nach langer Vorbereitung & Vorfreude betreten wir in der Nacht vom 28. auf den 29.12.2007 um 01:00 die 'Adelaide Express', das Frachtschiff, welches uns von La Spezia nach Sydney bringen wird.

Hinter uns liegen anstrengende Wochen, denn eine 7-monatige Auszeit will verdient sein. Freundlicherweise haben uns unsere Arbeitgeber unbezahlten Urlaub gewährt. Am 18.12.2007 sind die Arbeiten im Büro abgeschlossen, uns bleiben noch 4 Tage & 5 Nächte bis zur Abreise.

Diese sind ziemlich intensiv: Letzte administrative Details für unseren temporären Untermieter regeln; Wohnung teilweise räumen & reinigen; Verwandte besuchen; administrative Belange mit Sabine & Roland regeln, welche vor knapp einer Woche von ihrer 2.5-jährigen Veloreise zurückgekehrt sind (www.kokobike.ch/safari-salama) & angeboten haben, unsere Post zu sichten; unser Gepäck & Camping Equipment packen; neue (hoffentlich pannenresistente!) Reifen aufziehen; ...& tausend weitere kleinere Arbeiten.

Es zeigt sich einmal mehr, dass man unter Druck & mit einer unverrückbaren Deadline vor Augen unglaublich effizient wird & ungeahnte Energien freisetzen kann & so stehen wir am 23.12.2007 um 11:00 rechtzeitig am Zürich HB. Hinter uns liegen zwei Nächte mit einmal vier & einmal zwei Stunden Schlaf, vor uns liegt eine 8-stündige Zugfahrt nach La Spezia sowie eine 26-tägige Frachtschiffreise nach Sydney!

Seit Monaten war der 25.12.2007 als Abfahrtsdatum unseres Frachtschiffes festgelegt, vor einigen Wochen wurde von unserem Buchungsbüro (welches als Vermittler zwischen dem Kunden & der Reederei fungiert) neu der 26.12.2007 genannt. Als wir nun vor Ort direkt mit dem Hafen Kontakt aufnehmen erfahren wir, dass die 'Adelaide Express' erst am Abend des 28.12.2007 einlaufen soll! Wie sich später herausstellt, ist diese Fahrplanänderung bereits seit etwa einem Monat bekannt, wurde uns aber leider nicht weitergeleitet. So sehen wir uns unerwartet mit fünf Tagen Sightseeing in La Spezia konfrontiert. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass Winter & Weihnachten ist, am 25. & 26.12.2007 alle Läden sowie die meisten Restaurants & Bars geschlossen sind & das Städtchen nun auch wieder nicht soo gross ist. Wir verbringen die Zeit mit langen Spaziergängen, Barbesuchen, Blick aufs Meer & den Frachtschiffhafen & knüpfen Kontakt zum äusserst freundlichen Mitarbeiter am Hafengate. Dieser hält uns immer wieder mit dem neusten Schiffsfahrplan aktuell. Daneben holen wir auch einen Teil unseres Schlafmankos nach.

Zuletzt gibt es ein paar weitere Stunden Verzögerung & wir verbringen die Wartezeit im wohl einzigen noch geöffneten Lokal von ganz La Spezia. Als wir am Hafen eintreffen, lösen wir beim zuständigen Beaamten ein Stirnrunzeln aus: Auf dem Hafengelände dürfte man sich nicht selber bewegen & er müsste uns mit dem Wagen & aufgesetztem Blinklicht zum Schiff bringen. Aber wie soll er unsere beiden Velos & das gesamte Gepäck in seinen PW kriegen? Nach kurzer Bedenkzeit ist er mit unserem Vorschlag einverstanden & so laden wir unser Gepäck zu ihm ins Auto, er eskortiert uns & wir radeln ihm im Eilzugtempo hinterher. Wenig später stehen wir vor der 'Adelaide Express'. Gut 20m hoch ragt sie vor uns auf & wirkt riesig. Zwei Filipinos tragen unser Gepäck inkl. Fahrräder die Aussentreppe zum Schiff hoch, zeigen uns unsere Kabine & um 02:30 fallen wir todmüde ins Bett. Rund 14 Stunden später werden die Leinen gelöst & das Schiffsabenteuer beginnt definitiv!

Die folgenden knapp vier Wochen bis Sydney geniessen wir den Luxus völliger Freiheit & Nichtstun. Musse & viel Zeit, die Seele baumeln zu lassen & den Alltag weit hinter uns zu lassen. Das bewusste Erfahren der Distanz zwischen Mitteleuropa & Australien lässt dem Kopf auch mehr als genug Zeit, sich auf den Kontinenten Down Under einzustimmen. Als angenehmer Nebeneffekt bemerken wir zudem die Zeitumstellung kaum: Statt die Uhren einmal 10 Stunden vorzustellen, 'verlieren' wir nur alle 2-3 Tage eine Stunde. Spannend ist auch das Erleben mehrerer Jahreszeiten innerhalb von weniger als vier Wochen.

Bei der 'Adelaide Express' handelt es sich um ein Containerfrachtschiff mit Baujahr 1998. Sie segelt unter deutscher Flagge, gehört der Reederei Gebrüder Winter in Hamburg & ist von Hapag-Lloyd gechartert. Die gesamte Schiffslänge beträgt ca. 190m, die Breite 30m. Das Schiff weist eine Kapazität von 2'100 TEU auf (1 TEU = 1 (kleiner) Normalcontainer). Bei uns sind aber grösstenteils die doppelt so grossen Container geladen: 12 Stück in der Breite, 10 Reihen in der Länge maximal 5 Container hoch über Deck, der Rest unter Deck. Was in den Containern geladen ist, können wir höchstens erahnen. Zumindest der (defekte) Kühlcontainer mit Schweizer Käse wird mit der Zeit deutlich riechbar... Der gesamte Schiffsaufbau besteht aus dem 'Poop-Deck' (sozusagen das Erdgeschoss auf Deck) sowie 6.5 weiteren Stockwerken. Unsere Kabine befindet sich im 5. (d.h. zweitobersten) Stock, knapp höher als die oberste Schicht Container & wir haben somit jederzeit freie Sicht nach vorne. Die Kabine selber ist gut 20m² gross & mit zwei Betten, Schrank, Sofa, Salontisch, DVD & Dusche/WC ausgestattet. Unsere Normalgeschwindigkeit beträgt ca. 19.5 Knoten (Nm/h), bei wilder See ist das Tempo aber auch mal 2-3 Knoten langsamer. Pro Tag werden rund 75 Tonnen Öl verbrannt.

Unsere Route führt durch die Strasse von Messina (die enge Stelle zwischen der italienischen Stiefelspitze & Sizilien) sowie den Suez Kanal. Beide Stellen sowie alle Hafenein- & -ausfahrten dürfen nur mit einem lokalen Piloten/Lotsen passiert werden, jemandem, der die Situation vor Ort gut kennt. Leider ist das Timing sowohl bei der Strasse von Messina als auch beim Suez Kanal ziemlich schlecht: Die Strasse von Messina passieren wir in der Dunkelheit, so dass wir ausser Lichtern nichts sehen. Gleich ergeht es uns beim Suez Kanal: Da sich die Schiffe im Suez Kanal nur an zwei Stellen kreuzen können, darf der Kanal nur im Konvoi befahren werden. Täglich starten zwei Konvois von Port Said südwärts & ein Konvoi von Suez nordwärts. Gekreuzt wird entweder im Small oder im Great Bitter Lake. Der Konvoi ist eine Prozession von ca. 20 Frachtschiffen, die im Abstand von einigen hundert Metern mit ca. 10Nm hintereinander hertuckern. Wir haben das Pech, den südwärtsfahrenden Nachtkonvoi zu erwischen, starten kurz vor Mitternacht & erreichen um etwa 06:00 den Great Bitter Lake. In der stockdunklen Nacht (Leermond) bleibt vom Suez Kanal & Umgebung nicht viel mehr zu sehen als ein paar Lichter & Umrisse. Den ganzen Tag liegen wir im Great Bitter Lake vor Anker & warten, bis uns der nordwärts ziehende Konvoi passiert hat. Als dies soweit ist, setzt auch schon wieder die Dunkelheit ein & wir passieren auch den zweiten Teil des Kanals, ohne viel von der Landschaft um uns herum zu sehen. Schade.

Weiter gehts durchs Rote Meer, Golf von Aden & ums Horn von Afrika (Somalia) herum in den Indischen Ozean. Somalia gilt weiterhin als Hochburg der Piraterie auf See. Weltweit hat die Piraterie im Jahr 2007 gegenüber 2006 um rund 10% zugenommen (ca. 260 gemeldete Fälle), wobei der Anstieg fast ausschliesslich auf eine Zunahme in somalischen Gewässern zurückzuführen ist (30 Fälle, +200%). Dies hat auch auf unser Schiff einen Einfluss: Wir wählen hier nicht die direkteste Linie, sondern fahren weiter nördlich, um möglichst weit von der somalischen Küste entfernt zu sein. Zudem werden alle Türen nach draussen verriegelt sowie die Aussentreppen mit Gittern versperrt. Wir Passagiere dürfen uns in dieser Zeit nur in eingeschränkten Bereichen bewegen. Nach zwei Tagen ist die Gefahrenzone passiert, wir sind wieder frei & nehmen direkten Kurs auf Australien!

Tagsüber halten wir uns öfters auf der Brücke auf (schönste Rundsicht), sitzen in unserer Kabine oder irgendwo draussen an Deck. Da gefällt es uns v.a. ganz vorne am Bug, wo nur das Rauschen des Meeres ohne Motorenlärm zu hören ist. Einer der Filipinos hat uns extra zwei Campingstühle gebracht, die seither dort versteckt sind & von uns rege benutzt werden. Dort lesen wir oder geniessen einfach den Blick in die unendliche Weite des uns umgebenden Wassers. Das Meer ist mal spiegelglatt & ruhig, dann wieder ziemlich wellig mit zahlreichen 'White Horses' (Schaumkronen).

Vom Roten Meer bis kurz vor Australien gehen wir täglich in unserem kleinen Aussenpool schwimmen (4x5m, täglich mit frischem Meerwasser gefüllt). Die Wassertemperatur schwankt dabei analog dem aktuellen Meerwasser zwischen 24-30°C! Das ist sogar für uns Landratten warm genug. Ansonsten geniessen wir es, ausgiebig Zeit zum Lesen zu haben, wir verschlingen beide zahlreiche Romane, Krimis sowie viel Literatur über Australien & unsere bevorstehende Reise.

Spannend ist auch, was in diesem unendlichen Ozean sonst noch so unterwegs ist: Alle paar Tage kommt wieder mal ein anderes Frachtschiff in Sichtweite, einmal kreuzen wir den Weg eines Korkzapfens (hat wohl ein anderes Schiff dort Silvester gefeiert?), einmal steuern wir direkt auf eine Styroporbox zu, auf welcher ein Vogel sitzt, der über diese Begegnung wohl genauso erstaunt ist wie wir & erst im letzten Moment davonfliegt, einmal fahren wir nur wenige Meter neben ein paar im Wasser treibenden Baumstämmen vorbei. Als die Baumstämme aber plötzlich beginnen Wasserfontänen in die Höhe zu blasen bemerken wir, dass es sich dabei um Wale handelt! Tatsächlich schwimmen da ganz in unserer Nähe etwa vier Wale. Zwei von ihnen zeigen uns sogar ihre Schwanzflosse, bevor sie in die Tiefen des Ozeans abtauchen. V.a. im Arabischen Meer sehen wir auch mehrmals Gruppen von Delphinen, die in grösserer oder kleinerer Entfernung um unser Schiff schwimmen & spaktakuläre Sprünge vollbringen. Ein faszinierendes Schauspiel! Während Tagen begleiten uns zudem fliegende Fische, die knapp über der Wasseroberfläche dahingleiten.

An Bord der 'Adelaide Express' befinden sich 25 Personen: 5 Deutsche & 15 Filipinos, welche die Besatzung bilden; dazu die Ehefrauen des Captains sowie des Chief Officers, welche ausnahmsweise mitreisen; Elizabeth, eine 76-jährige Lady von der Isle of Man, welche die gesamte Rundreise (Tilbury - Tilbury, 84 Tage) mitmacht; sowie wir zwei. Kontakt haben wir v.a. mit Elizabeth (wir drei sitzen bei den Mahlzeiten jeweils gemeinsam an einem Tisch), dem Chief Officer & seiner Frau sowie einigen der Filipinos. Wenn wir unsere letzte Frachtschiffreise (Bremerhaven - Cape Town) mit dem Aufenthalt in einem 5-Sternehotel mit erstklassigem Service verglichen, dann bewegen wir uns diesmal eher auf dem Niveau eines einfachen Hotels mit mässigem Service & nicht allzu innovativer Küche. Wie uns auch Elizabeth, eine erfahrene Frachtschiffreisende, bestätigt, gibt es zwischen verschiedenen Reedereien offenbar erhebliche Qualitätsunterschiede. (Falls jemand an genaueren Informationen interessiert ist, z.B. für die Planung einer eigenen Frachtschiffreise, geben wir unsere Erfahrungen gerne weiter). Ein grosser Unterschied zur letzten Reise ist auch unser Kontakt zum Captain. Während der Captain der 'Kalahari' immer gemeinsam mit uns Gästen gegessen & dabei viel Interessantes über den Schiffsalltag erzählt hat, sind die Passagiere an Bord der 'Adelaide Express' eher abgeschottet, Informationen sind nur spärlich erhältlich & müssen mühsam zusammengefragt werden.

Das Wetter ist unterschiedlich. Gleich zu Beginn des zweiten Tages auf See ist es sehr windig & das Meer ist entsprechend unruhig. Wir fühlen uns beide nicht ganz wohl & verbringen einen grossen Teil des Tages mit Schlafen. Nach dem Mittagessen (aus Appetitgründen auf eine Suppe beschränkt) muss sich Markus sogar übergeben. Damit ist aber das Schlimmste bereits überstanden. In der Folge herrscht eine längere Schönwetterperiode, am 04.01.2008 springen wir erstmals ins Meer (resp. in den Pool). Der Wind ist mal stärker, mal schwächer, aber ans Schwanken hat sich unser Gleichgewichtsorgan inzwischen gewöhnt & unseren Mägen gehts gut. Kurz vor Australien folgt dann ein Wetterumsturz: Am Tag vor unserer Ankunft in Fremantle herrscht nur noch eine Temperatur von 20°C, unser Schiff schaukelt sowohl in Längs- als auch Querrichtung stark & zwischendurch regnet es sogar. Tags darauf in Fremantle sieht es wieder anders aus: Bei Sonnenschein & Temperaturen von 34°C setzen wir unsere Füsse erstmals auf australischen Boden! Wir haben hier nur einen relativ kurzen Aufenhalt, uns Passagieren werden sechs Stunden gegönnt, um die ca. 20km südlich von Perth gelegene kleine Hafenstadt zu besuchen. Wir machen kleinere Einkäufe, spazieren den im typischen Kolonialstil gehaltenen Strassenzügen entlang & gönnen uns wieder mal eine Abwechslung im Abendessen.

Die folgenden vier Tage kehrt das Wetter erneut ins Gegenteil. Während der gesamten Reise nach Melbourne hängen die Wolken tief, hohe Wellen lassen das Schiff in alle Richtungen schwanken, bei den Deckspaziergängen wird man bei falschem Timing ziemlich nassgespritzt & die Tageshöchsttemperaturen schwanken zwischen 16-20°C! Fürs Sightseeing in Melbourne stimmt dann aber wieder alles: Sonnenschein & sommerliche Temperaturen, zudem haben wir einen passagierfreundlichen Fahrplan: Ankunft Melbourne am 22.01.2008 um 04:00, Abfahrt am selben Tag um 22:00. Melbourne nimmt uns gleich gefangen, wir geniessen die angenehme Atmosphäre, die Mischung von Kolonialstil & moderner Architektur, die altertümlichen & klappernden Trams, die kulinarische Vielfalt & die freundlichen Leute. Wir erledigen ein paar organisatorische Dinge für unsere Reise & spazieren kreuz & quer durch die Stadt. In ca. einem Monat planen wir mit den Velos in Melbourne einzufahren & haben dann mehr Zeit, die Stadt zu geniessen.

Es folgt der letzte Tag auf See, der sich nochmals von der besten Seite zeigt. Am 24.01.2008 um 10:00 legen wir in Sydney im Port Botany (ca. 15km südlich des Stadtzentrums) an. Am Hafen passieren wir die Quarantine-Station problemlos: Ein paar Kleinigkeiten aus der Schweiz können wir einführen, auch unsere neuen Pneus halten der exakten Begutachtung des zuständigen Beamten Stand, einzig die Äpfel, welche sogar aus Fremantle stammen, müssen wir abgeben. Wir satteln unsere Velos & steuern gleich mal mitten ins Zentrum von Sydney. Hier werden wir etwa 10 Tage verbringen, bevor wir am 02.02.2008 definitiv zur Velotour starten!

Zu den Fotos...

Patricia & Markus, 31.01.2008

© pk&mk 03.01.2009